Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 27.1883 (27)

Korrespondenzen. 
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vorgenommener Erörterung der in Betracht kommenden Gesichtspunkte, eine Folge 
nicht zu geben vermögen. Es ist allerdings eine unbestrittene Thatsache, daß der 
Betrieb der Landwirtschaft in unserer Provinz insbesondere durch die Ungunst des 
Klimas, durch die sich aus einen kürzeren Zeitraum zusammendrängende Acker 
bestellung und Ernte, sowie infolge der dadurch bedingten Unterhaltung eines 
größeren Inventars und zahlreicherer Arbeitskräfte in Vergleich zu anderen Pro 
vinzen im Nachteile ist und verhältnismäßig größere Kosten verursacht. Das 
Streben der Vertreter der Landwirtschaft zum Zwecke der Verbesserung der Lage 
der letzteren unter anderem auch die Mitwirkung der Schulaufsichtsbehörde in 
Anspruch zu nehmen, darf daher unsererseits auf thunlichste Berücksichtigung rechnen. 
Wir haben eine solche aber auch der vorliegenden Frage stets zugewendet. Nach 
den Allgemeinen Bestimmungen vom 15. Okt. 1872 und verschiedenen dieselben 
erläuternden Ministerial-Erlassen, namentlich dem Erlasse vom 15. Dez. 1874, 
darf die Halbtagsschule nur in einklassigen ländlichen Schulen ausnahmsweise 
gestattet werden; es steht also den Bezirks-Regierungen die Befugnis nicht zu, 
eine allgemeine Einführung derselben anzuordnen oder zu genehmigen. Demgemäß 
ist in unserm Bezirke die Halbtagsschule in denjenigen einklassigen Schulen für 
den Sommer wie für den Winter eingeführt worden, wo 1. die Anzahl der 
Kinder 80 oder mehr beträgt, 2. wo das Schulzimmer auch für eine geringere 
Zahl nicht ausreicht, und 3. wo die Rücksicht auf den Gesundheitszustand oder 
auf die Lehrbefähigung des Lehrers es notwendig erscheinen läßt. Von uns zu 
gutachtlichen Äußerungen über den Antrag des landwirtschaftlichen Vereins auf 
gefordert, haben sämtliche Kreisschulinspektoren und fast alle Landräte des Re 
gierungsbezirks sich teils gegen den Halbtagsunterricht überhaupt, teils gegen den 
Winterhalbtagsunterricht ausgesprochen. Gegen den Halbtagsunterricht im Winter 
spricht schon, daß mit der Einrichtung desselben überhaupt niemandem ein Dienst 
geschieht, den Eltern nicht; denn sie sind froh, ihre Kinder den Tag über in der 
Schule wohl versorgt und unter Aufsicht zu wissen; den Besitzern nicht: denn sie 
bedürfen der Kinder zu wirtschaftlichen Arbeiten nicht, da sie im Winter kaum 
hinreichende Arbeit für ihre Dienstboten und Jnstleute haben; der Schule nicht: 
denn der Winter ist die eigentliche Arbeitszeit für die Landschulen, während im 
Sommer mancherlei Unterbrechungen und Hemmnisse störend auf den Unterricht 
einwirken. Bei voller Schulzeit gehen die kleinen unter dem Schutze der größeren 
Kinder in die Schule und wieder nach Hause. Es wäre gefährlich, wenn man 
ihnen diesen Schutz entziehen wollte. Dieser Grund macht die allgenieine Ein 
führung der Halbtagsschule im Winter geradezu unmöglich. Ferner ist durch 
unsere Cirkularverfügung vom 31. Dezember 1873 angeordnet worden: Wo 
wegen notorischer Armut der Bewohner der größere Teil der Schulkinder zum 
Dienen und Hüten verwendet wird, also das Bedürfnis nach Sommerhalbtags 
schule vorhanden ist, kann der Schulvorstand die Einrichtung derselben bei dem 
Kreisschulinspektor beantragen. Derselbe entscheidet in Gemeinschaft mit dem 
Landrat des Kreises, ob dem Antrage des Schulvorstandes Folge gegeben werden 
kann. Der Nachweis der Schulen, für welche Sommerhalbtagsschule genehmigt 
ist, wird uns am 1. April jeden Jahres von den Kreisschulinspektoren eingereicht. 
— Wir glauben, daß durch diese Verordnung auch den landwirtschaftlichen 
Interessen die denkbar möglichste Berücksichtigung zu teil geworden ist. Den 
Wünschen des Centralvereins noch weiter entgegen kommen, also die Einführung 
der Halbtagsschule für alle ländlichen Schulen bei dem Herrn Minister befür- 
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