Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 28.1884 (28)

40 n. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, Biographieen rc. 
der Ehe sind nur zwei Menschen an ein gemeinsames Werk gestellt, und dieselben 
sind durch die Liebe und aus freier Wahl zusammen geführt; dennoch wird davon ein 
Teil die entscheidende Stimme haben müssen. In dem Hähern Schulwesen ist es 
ganz selbstverständlich, daß jede mehrklassige Schule einen Dirigenten habe, gleich 
viel ob dieselbe 2 oder 30 Klassen zählt, wie man das ganz gut in den kleinen 
Orten von Rheinland und Westfalen weiß, wo die kleinste über die Ziele der 
Volksschule hinausgehende Anstalt gleich eine Rektoratschule genannt wird. Haben 
denn Realschulen und Töchterschulen erst bei 30 Klassen einen Leiter? 
In Wirklichkeit sind auch unsere Volksschulen keineswegs ohne einen Dirigenten 
gewesen; als solcher war eben der Geistliche da. Der Lehrerstand wurde nicht 
für qualifiziert erachtet, aus sich heraus die nötigen leitenden Kräfte zu stellen; deren 
Notwendigkeit wurde aber weder von den Behörden noch von den Schulinter 
essenten bezweifelt. Wenn letzteres aber aus dem Lehrerstande heraus geschieht, 
wenn Glieder des Lehrerstandes selbst nicht begreifen können, daß jede mehrklassige 
Volksschule ebenso gut einen Dirigenten haben muß wie eine mehrklassige höhere 
Schule, dann kann man daraus nur den Schluß ziehen, daß diese Lehrer die. Be 
dingungen, unter welchen sie ihre Arbeit thun können, nicht ausreichend verstehen, 
daß sie in ihrem Fache noch unmündig sind und darum mit Recht einstweilen 
unter einen geistlichen oder andern Lokal-Inspektor gestellt werden müssen. — 
Glücklicherweise dürfen wir annehmen, daß die Entwicklung des Schulwesens nicht 
nach dem Willen dieser Unmündigen sich vollziehen wird. In größeren Städten 
besteht das Dirigenten-Amt schon längst. Zudem wissen wir, daß der Minister 
Falk auf der ministeriellen Konferenz im Juni 1872 ausdrücklich sagte, daß bis 
dahin jeder Schulgesetz-Entwurf, welcher im preußischen Ministerium bearbeitet worden 
sei, auch die Notwendigkeit des Dirigentenamtes anerkannt habe. In Österreich, 
Kgr. Sachsen und Oldenburg ist dasselbe längst eingeführt. — Was endlich die 
Rechte eines Dirigenten einer mehrklassischen Volksschule anbetrifft, so wird sich 
dafür wohl ebensogut ein Modus finden lassen wie bei den höheren Schulen. 
Wenn an diesen die studierten Leute sich durch die betreffende Instruktion nicht 
beengt fühlen, so werden die Arbeiter an der Volksschule auch nicht so sehr 
beengt werden. Aus jeden Fall ist es kein gutes Zeichen, daß angesichts der vorhin 
angeführten Thatsachen doch auf dem Volksschulgebiete noch über die einfache 
Frage, ob und wie eine Volksschule zu leiten ist, disputiert werden muß. 
Herr Meyer-Duisburg erbat sich nochmals das Wort. Seinen Ausfüh 
rungen entnehmen wir folgendes: Der Vorredner hat von Schulgesetzgebnngen 
gesprochen; sehen wir aber auf die Länder, welche für uns maßgebend sein müssen (!), 
nämlich Baden und Gotha, so kennt man dort eben nur einen Dirigenten, 
der für das Außere zu sorgen hat. Einen solchen verlangen auch wir. Aller 
dings muß jedes System einen Kopf haben, aber man muß nicht die Systeme 
künstlich auseinanderreißen, um recht viele Köpfe zu haben. Bei den Hähern 
Schulen teilt man erst, wenn ein Direktor die Klassen nicht mehr übersehen 
kann, bei den Volksschulen legt man dagegen möglichst wenige Klassen zusammen. 
Einen Kopf wollen wir auch haben (aber wo?), das Gegenteil hat nur der Vor 
redner aus unserer Schrift gefunden. — Nachdem Herr Dr. Natorp noch einmal 
auf den Kasseler Kongreß zurückgekommen war mit der Bemerkung, daß Pfarrer 
Zillesen sich etwas diplomatisch verhalten habe, indem er den anwesenden Lehrern 
zuliebe sich nicht gegen die Aufsicht durch einen Fachmann ausgesprochen, und den 
anwesenden Geistlichen zuliebe doch habe durchleuchten lassen, daß die Aufsicht in
	        

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