Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 28.1884 (28)

Herzergießung eines armen Dorfbuben. 
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schwankt zwischen 150 und 284. Am günstigsten in Bezug auf normale 
Schulverhältnisse steht Berlin (92, 90°/o), worauf der Bezirk Stralsund mit 
86, 48 o/o folgt. 
Htrzcrgicßung eines armen Dorftmben. 
Luthers kleiner Katechismus ist ein recht schönes Buch. Ich lerne ihn auch 
ganz gern auswendig, aber manches ist doch recht schwer. Da haben so viele 
Namen zuletzt immer einen andern Buchstaben. Bald heißts Christi, bald Christo, 
bald Christum, dann Jesu, Jesum und Paulo, Pauli, endlich Marci am letzten. 
Und wenn ich es recht schön machen will und Christi sage, dann zankt der Herr 
Lehrer und sagt es müsse Jesu Christo heißen, und wenn ich sage: Wir sind 
samt Christum durch die Taufe begraben in den ^d, dann sagt der Herr Lehrer 
wieder, das ist dumm. Ich weiß gar nicht, wie ich das machen soll. Ich kann 
Tisch, Mann, Frau, Burg recht schön durch alle vier Fälle in Einzahl und 
Mehrzahl bilden, aber es heißt da gar nicht Tischo, Manni, Frauum. Mir 
steht da allemal der Verstand stille. Da habe ich einen gescheuten Vetter in der 
Stadt, der ist auf der großen Schule gewesen; der spricht da immer: Das muß 
aber so sein. Und der kleine Katechismus wäre das schönste Buch für Erwachsene 
und für Kinder, und den müßte man ganz genau auswendig lernen. Ach, das 
kann alles wahr sein, aber bei mir ist es da Markum am letzten. Der Vetter 
aus der Stadt sagt, es hätten vor vielen Jahrhunderten fremde Menschen Marko 
und Marci und Jesu gesagt. Das kann ja alles wahr sein, aber der kleine 
Katechismus soll doch auch ein Buch für uns einfältige Dorfkinder sein, und da 
sollten wir es doch verstehen können; sonst wird uns so viel von „deutsch" er 
zählt, von Muttersprache, Mutterlaut, und im kleinen Katechismus, den wir auf 
dem Dorfe lernen sollen, da steht soviel von den fremden Leuten aus vergangenen 
Zeiten darin! Es ist zum heulen, zum katholisch werden. 
Aber das ist noch lange nicht alles. Neulich hatte ich einen so schönen Auf 
satz geschrieben und dachte ich könnte Erster werden, aber das war arg fehl ge 
schossen. Als ich mein Heft wiederbekam, war ein dicker rother Strich am Rande. 
Da sollte ich etwas falsch geschrieben haben. Da hatte ich geschrieben: „Der 
hohe Berg und breite Thal sind ein Werk Gottes." Das ist doch wahr? Aber 
nein! Es muß falsch sein. Der gescheute Vetter aus der Stadt lachte ganz 
unbändig, als ich es ihm zeigte, und sagte, es müsse heißen: der hohe Berg und 
das breite Thal. Da wurde ich aber ärgerlich und sagte: Im Katechismus heißt 
es auch: „der wahre Leib und Blut unsers Herrn Jesu Christi." Da lachte der 
Vetter noch viel toller und sagte: „das ist ganz was anders, da muß es so 
heißen." Ja, der Katechismus ist eben nicht für uns Dorfkinder, da ist es alle 
mal etwas andres. Und noch ein andresmal habe ich im Aufsatz dicke rote 
Striche bekommen. Da hatte ich so schön geschrieben: „Wir haben die Bibel er 
halten, daß gleichwie Timotheus dieselbe von Jugend auf wußte, also sollen auch 
wir fleißig darin forschen." Da machte sich der Herr Lehrer lustig über mein 
Ungeschick in der Sprache. Und wo hab ich denn das her? Luther hat in sei 
nem Katechismus auch so geschrieben, bei dem ist es aber gut und herrlich, und 
bei mir ist es ungeschickt! So sind die Menschen. Die Leute auf dem Dorfe 
müssen immer dumm sein.
	        

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