Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 28.1884 (28)

Musikalischer Inhalt. 
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druck der freudigsten Bewegung." „Wer da fragt, was er bei einer Musik denken 
soll, die er hört, dem ist zu antworten: Gar nichts sollst du dir dabei oder 
daneben denken, nichts andres, nichts Unmusikalisches, nichts aus Psychologie oder 
Theologie, aus Physik oder Geographie, aus Geschichte oder Weissagung, sondern 
einzig die Musik selber; die ist in ihrer Art gedankenreich genug." „Das Ge 
fühlsschwelgen ist meist Sache jener Hörer, welche für die künstlerische Auffassung 
des Musikalisch-Schönen keine Ausbildung besitzen." „Aus dem unbestimmten 
Gefühl läßt sich die geistige Bedeutung der Musik nicht ableiten, wohl aber aus 
der bestimmten schönen Tongestaltung, als der freien Schöpfung des Geistes aus 
geistfähigem Material." 
So treffend und wahr auch diese Auseinandersetzungen sind, es läßt sich 
nicht leugnen, daß ein Etwas in unserm Gefühlsleben nicht voll dadurch befriedigt 
wird. Es will uns bedünken, daß das Musikalisch-Schöne, daß der eigentliche 
Inhalt der Musik sich auf diese Weise fast ganz in ein Formenspiel, eine sinnige 
Kombination von Tönen auflöse. Sollte die Musik nicht dennoch eine tiefe und 
weitgehende Beziehung zu der realen uns umgebenden Welt haben? Sollte nicht 
in den poetischen Bildern, welche die verschiedenen Interpreten der bedeutendsten 
Tonwerke behufs Verdeutlichung und Nahebringung ihres Inhalts uns vorführen, 
dennoch etwas von solchem musikalischen Inhalt sich wiederspiegeln? Sollte nicht 
ein ästhetischer Standpunkt möglich sein, der zwar anerkennt, daß der Inhalt der 
Musikwerke eben ein musikalischer, nicht ein aus anderen, heterogenen Gebieten 
entlehnter sei, der aber trotzdem ein Nahebringen dieses musikalischen Inhalts durch 
verwandte Stimmungsbilder, welche andern Lebensgebieten entnommen sind, für 
möglich und ersprießlich hält? 
Eine Antwort auf diese gewiß höchst interessanten Fragen findet sich in dem 
lesenswerten Buche von Dr. Adolf Kullak: „Die Ästhetik des Klavierspiels", und 
zwar im letzten Abschnitt der von Dr. Hans Bischofs besorgten zweiten Ausgabe. 
„Die Wärme der Begeisterung eines reproduzierenden Musikers" — so 
schreibt der Vf. — „wird sich immer dadurch offenbaren, daß der Spieler sich 
angeregt fühlt, dem Tonleben seines dem Vortrage bestimmten Stückes objektiv 
poetische Anklänge aus dem wirklichen Leben zu gründe zu legen. Diese Auslegung 
wird um so leichter sein, je schöner die Komposition ist; je gewöhnlicher ihre Ge 
danken, um so schwerer, zuletzt wohl ganz ungewöhnlich." 
Der Vf. weist im Anschluß an diese Sätze auf die mannigfachen poetischen 
Bilder hin, die für Beethovens Ois-moll-Sonate (Opus 27) entworfen sind, und 
fügt die zum Teil recht sehr von einander abweichenden Auseinandersetzungen eines 
Czerny, Ulibischeff, Lißt, Marx, L. Köhler, Elterlein und zweier Musikzeitungen 
bei. Er fährt sodann folgendermaßen fort: 
„Der Vf. hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, diese acht Beispiele von 
der Auslegung ein und desselben Werkes im Auszuge hier mitzuteilen. Fragt 
der Realist: Ist es denn wirklich wahr, daß auch nur eins der mitgeteilten Bilder 
in den Tönen verborgen liegt? Wo ist der Kirchhof, der falbe Mond, die 
gotische Kirche oder die nächtliche Natur? — so ist darauf zu antworten, daß 
allerdings kein Beweis gegeben werden kann, daß sogar einzelne Auffaffungen sehr 
viel Ungereimtes enthalten. Stützen kann sich solche poetische Auslegung nur 
auf die symbolische Bedeutung, die auch andere objektive Kombinationen zu ihrem 
Inhalte haben: auf die Juhaltlichkeit der Gesten, der Mienen, der menschlichen 
Bewegungen, aus die Bedeutsamkeit landschaftlicher Momente in der Malerei und
	        

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