Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 32.1888 (32)

Eine Quellenschrift zur rheinländischen Kulturgeschichte. 221 
obgenannten Christian von Weinsberch und Sophien Kort, eheluden, minen lieben 
satter und motter, zu der weit gezilt und geboren worden." Mit diesen Worten 
stellt sich der Chronikschreiber seinen Nachkommen vor. 
Der Vater unseres Hermann von Weinsberg war ein angesehener Mann, 
der regelmäßig kirchliche und städtische Ämter bekleidete und als Burggraf des 
Rathauses und Kirchmeister von St. Jakob 1549 verstarb. Hermann war sein 
ältester Sohn und genoß eine sorgfältige Erziehung. Aus der Zeit seiner Kind 
heit berichtet er gewissenhaft eine Fülle charakteristischer Einzelheiten, wie er „ge- 
ruddelt", d. h. die Masern gehabt hat — „und wie mir gefacht ist, war ich 
domails gar ungedultich und lestich gewesen, das min satter nachtz duck hat moifsen 
uffstain, mir uff einem decken gespilt und gepiffen, daß ich swigen sulte 
Ich eracht, ich hab gedain, wie andere lestige Kinder plegen zu duin" — wie er 
sich ein Loch in den Kopf schlug, wie er die erste Kleidung bekam, die er nach 
der Erzählung seiner Mutter genau schildert, ein blaues Röcklein und ein rotes 
Mützchen mit hohen runden Aufschlägen, ein Neujahrsgeschenk der Großmutter, 
„und wie mich min motter bericht hat, füll es mir wol gestanden haben, dan ich 
were die zit follich von leib und heubt gewest und hat gel hairgin gehat. Fillicht, 
do ich miner motter eirste kint war, dochte sei, ich were seir schoin; dan ein jeder 
dünket sin ulgin ein deufgin sin" (sein Eulchen ein Täubchen). Wir erfahren, 
wie die Jungen des 16. Jahrhunderts spielten mit Brummkreiseln und anderem 
Spielzeug, wie sie gerade wie unsere Jungen gelegentlich Fensterscheiben einwarfen 
und hinter die Schule gingen. Hübsch ist die Erzählung, wie der 11jährige Her 
mann am Appolonientag statt in die Schule zu gehen, zum Altar dieser Heiligen 
schleicht und sie bittet, ihn von seinem Zahnweh, das ihn häufig plagt, zu be 
freien. Nachmittags vom Lehrer um sein Ausbleiben befragt, macht er diesem 
Mitteilung davon. Aber der gestrenge „Meister" greift zum Stock und sagt: 
plus valet obedientia quam victima, erläßt jedoch dem Bittenden seine Strafe 
mit der Mahnung: „es were ein zit gen kirchen zu gain, auch ein zit scholen 
zu gain." 
Weinsberg besuchte zu Köln und Emmerich die Schule und giebt in seinem 
Gedenkbuche darüber ausführliche Mitteilungen; dann wird er Student in Köln 
und traktiert fleißig die Rechte, nachdem er die Würde eines magister artium 
erlangt hat. „Von den 7 konsten haben die magistri artium den narrten, füllen 
darin verfaren sin, aber der regent samt den meistern sehent mehe den nutzen an, 
den sei und die bursen davon haben, dan die geschicklichit und laissen gemeinlich 
einen jeden zu, er sei geschickt ader ungeschickt, wen er sin zit uisstudeirt hat und 
sin jura und gelt gibt, so laissend sei sei zu. Wenich sint, welche der kunsten alle, 
ja nit halb, verfaren sint." 
Längere Zeit ist er Rektor einer Burse, d. h. einer Stiftung, welche den 
Studenten Wohnung unv Verpflegung gab, und seine Bursenerlebniffe beanspruchen 
einen nicht geringen Raum. Es ist ein rohes, wildes Leben, das wir da kennen 
lernen, Streitigkeiten arten bis zum Totschlag aus, es entstehen Verschwörungen 
gegen Weinsberg u. s. w., eine empfehlenswerte Lektüre für die Herren Janssen 
und Genossen, die so viel Übles von den evangelischen Universitäten zu erzählen 
wissen. Köstlich ist die Naivität, mit der Weinsberg manches mitteilt. „Ich hab 
auch sulchs an mir gehatt, wan ich vil gedrunken hab, so plach mir der kop 
morgens fro sein wehe zo drin und das gebrech hat mich nit willen erlaissen." 
Das nimmt ihn sehr Wunder, doch ist er überzeugt, daß er sich damit nicht wenig
	        

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