Über den Stand der pädagogischen Bestrebungen in Ostdeutschland. 145
Kätzchen: Spätzlein, das thu' ich nicht,
Komm' nur, du kleiner Wicht.
Spätzchen: Nein, nein — ich kenne dich,
Und darum hüt' ich mich,
f ab' auch zum Spielen heut
brigens keine Zeit.
Muß noch die Kinder mein
Füttern und fleißig sein.
Kätzchen: Ach, sag', an welchem Platz
Hast du die Kinder, Spatz?
Möchte sie gerne seh'n,
Sind gewiß wunderschön.
Spätzchen: O, das verrat' ich nicht,
Du bist ein Bösewicht,
Fräßest sie auf — o weh!
Nein, nein. — Leb' wohl! Ade! —
S. 110 in Kühns Handbuch ist Mischte, Karl, Mittelschullehrer in Brom
berg, verzeichnet. Mischte hat sich seit fast 10 Jahren in verschiedenen Blättern,
namentlich aber in dem in Danzig erscheinenden „Preußischen Schulblatt" litterarisch
thätig erwiesen. In Nr. 43—47, 1880, des genannten Blattes findet sich von
ihm ein Artikel: „Gehört Geschichte der deutschen Litteraturin die Volksschule, und
zwar a) in die einfache und d) in die mehrklassige Schule?" Er beantwortet die
Frage dahin: Sie gehört in die ein- und mehrklassige Schule und zwar
die Oberstufe. Auf der Mittelstufe ist sie schon durch kurze Biographien der wich
tigsten Dichter vorzubereiten. „Sie soll a) als Rahmen, als Kette, die einzelnen
zu behandelnden Litteraturprodukte einfassen und in ein Ganzes zusammenfügen;
sie soll b) dem Schüler nicht nur eine Bekanntschaft mit den hervorragendsten
Dichtern und Prosaikern der Nation verschaffen, sondern ihm zugleich auch einen
Einblick ermöglichen in den Entwicklungsgang unserer Litteratur; sie soll o) der
Ariadnefaden sein, welcher den Schüler im Leben immer wieder zur Quelle zurück
leitet." . . . „Die Biographien sind nur auf Grundlage und nach zusammen
hängender Behandlung der jeden einzelnen Schriftsteller repräsentierenden Stücke
zu geben und zwar in historischer Reihenfolge."
Ich finde diese Forderungen für unsere Volksschule, insbesondere für die
einklassige zu hoch gespannt, abgesehen von den mißlichen Verhältnissen der utra-
quistischen Schulen unsrer Provinzen. An gehobenen und höheren Schulen ist
diese Anforderung allenfalls realisierbar, an unserer ungeteilten Volksschule auch
nicht annähernd. Auch auf der Oberstuft der mehrklassigen Volksschule wird man
wenig mehr ausrichten. Der betreffende Unterricht muß sich an das Lesebuch an
schließen, da er auf die Lektüre aufzubauen hat. Das Lesebuch giebt aber im
wesentlichen nur Proben der neueren Poesie. Es kann eben auf den „Entwick
lungsgang unserer Litteratur" nicht Bedacht nehmen. Einen Einblick in denselben
können wir also dem Volksschüler nicht ermöglichen. — Die Frage, welche obiger
Aufsatz erörtert, war im Herbst 1879 von der Merseburger Regierung den
Ephoral-Konferenzen zur Beantwortung gestellt worden. Infolgedessen trat der
Verfasser mit seinem Aufsätze hervor. — Schon im Jahre nach der Veröffent
lichung der obigen Arbeit spannte Mischte in ejnem Artikel: „Organisation des
Unterrichts im Deutschen in der Volksschule" (Preußisches Schulblatt, 1881, Nr.
48—49) seine Forderungen an den litteraturkundlichen Unterricht erheblich herab.
Er sagt dort: „Es dürfte sich empfehlen, auf der Oberstufe die Verteilung der
poetischen Erzeugnisse aus dem Lesebuche so einzurichten, daß von den Gedichten

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