Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 33.1889 (33)

Die Thätigkeit des Lokalvereins Glogau für wissenschaftliche Pädagogik. 451 
objektiven Erkenntnis des Geschehens führt. Zweifelhaft kann aber sein, ob die 
psychologische Erklärung des Geschehens, welche die Beweggründe der Handlungs 
weisen erforscht, der ethischen Beurteilung vorausgehen oder nochfolgen soll. Man 
wird sich für das letztere entscheiden; denn würde sie der ethischen Beurteilung 
vorausgehen, so könnte das sittliche Urteil leicht getrübt und gesülcht wer 
den, wie man denn wohl behauptet, daß „alles verstehen alles verzeihen" be 
deutet. Die psychologische Vertiefung in den Stoff darf ebenso wenig fehlen wie 
die ethische Beurteilung; sie ist so recht geeignet, das lieblose Urteilen, vor wel 
chem das „Richtet nicht" der Bibel warnt, fernzuhalten und überhaupt den Ge 
danken zurückzuweisen, als ob der Zögling über die historischen Personen zu Ge 
richt zu sitzen und Lohn und Strafe zu verteilen habe. 
Die ethische Beurteilung muß sich auf den einzelnen Willensakt einer Persön 
lichkeit beziehen; durch Zusammenfassung der Einzelwerte wird der Gesamtwert der 
Person gefunden. Lob und Tadel dürfen also nicht bei der Person selbst einsetzen, 
da alsdann einzelne rechtliche oder auch schlechte Handlungen völlig indifferent sein 
würden. 
Nicht selten tritt der Fall ein, daß das Kind in ethischer Hinsicht falsch 
urteilt. Es fehlt ihm dann oft an der nötigen geistigen Reife, um das Rechte 
zu erkennen. Durchaus verkehrt wäre es, wollte man in solchen Fällen ihm das 
richtige Urteil aufdrängen. Der Lehrer muß zurückhaltend mit seiner Meinung 
sein. Er führe dem Kinde zum Vergleiche ein ähnliches Willensbild vor, welches 
das inredestehende Handeln in aller Schöne zur Anschauung bringt. 
Im unmittelbaren Dienste der sittlichen Bildung steht die Zucht. Dem 
Kinde muß der Unterschied zwischen der äußeren Ordnung und der Zucht nahe 
gelegt werden. Das Plaudern muß anders bestraft werden als die Lüge. Be 
denklich erscheint es, von dem bei einem Vergehen Ertappten die Mitschuldigen 
angeben zu lassen. Zu einer ähnlichen Untreue gegen seine Kameraden wird das 
Kind verleitet, wenn von ihm verlangt wird, in Abwesenheit des Lehrers die 
Schwätzer aufzuschreiben. Der Schüler muß zu der Erkenntnis geführt werden, 
daß eine Denunciation immer etwas Unsittliches ist. Überhaupt muß das ge 
samte Schulleben ein ethischer Organismus sein und darf nichts enthalten, was 
gegen die Ideen des Guten und Rechten verstößt. 
Den allergrößten Einfluß auf die sittliche Bildung des aufwachsenden Ge 
schlechts hat die Persönlichkeit des Lehrers. Die Wirksamkeit eines religiös-sittlich 
durchgebildeten Erziehers ist eine so gesegnete, daß man noch von ihm spricht 
in den spätesten Zeiten. 
Elberfeld. A. Lomberg. 
Bericht über die Thätigkeit des Lokalvereins Glogau für 
wissenschaftliche Pädagogik. 
Auch in Schlesien dringt die Pädagogik Herbarts und Zillers in immer 
weitere Kreise ein; und zwar ebenso sehr in diejenigen der Volksschullehrer, als 
auch in die der Gymnasial- und Seminarlehrer. Gewissermaßen einen Sammel 
punkt der schlesischen Herbartianer bildet Gr. Glogau, die Hauptstadt des ehe 
maligen Fürstentums Glogau. Hier ist im Frühjahr 1889 ein Lokalverein der 
wissenschaftlichen Pädagogik ins Leben gerufen worden, welcher trotz vieler Hinde 
rungen steißig gearbeitet hat. Im Folgenden soll hierüber berichtet werden.
	        

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