Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 34.1890 (34)

Herbert Spencers Erziehungslehre. 
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Vorzug- der Wissenschaften, dass sie einen starken religiösen Ein 
fluss ausüben. Diese Religion, von welcher er spricht, wird allein 
die wahre genannt im Gegensatze zu den herrschenden. Was er 
darunter versteht, ist jedoch unklar. Im ganzen scheint sie hinaus 
zulaufen auf eine Bewunderung der Natur, wie sie tiefe, wissen 
schaftliche Studien erzeugen. „Hingabe an die Wissenschaft ist 
ein stiller Gottesdienst,“ sagt er, „eine schweigende Anerkennung 
des in den Dingen und damit auch in deren Urheber erkannten 
Wertes“. Damit ist es klar, dass wenn Spencer folgerecht bleibt, 
die christliche Religion keine Rolle spielen kann in dem Aufstellen 
des Zieles der Erziehung, oder bei der Auswahl des Lehrstoffes. 
Wie steht es nun mit seinen ethischen Ansichten? 
Der Zweck des Lebens ist Glück, „das grösste Glück der 
grössten Menge Menschen.“ In dem Jagen nach diesem ist man 
nicht durch allgemeingültige oder absolute Werturteile zu belästigen. 
Es giebt kein absolut Gutes oder Böses. In dem Streben nach 
dem Ziele ist alles recht, was ans Ziel bringt, oder wenigstens 
mehr dazu hilft als hindert. Dabei muss man nicht an sich allein, 
sondern auch an die Gesellschaft denken. Was im ganzen 
glücklich macht, ist gut, was im ganzen unglücklich macht, ist 
böse; oder mit Spencer zu reden; „Handlungen sind gut oder böse, 
je nachdem ihre Gesamtwirkungen der Menschen Glück oder Un 
glück vergrößern“. 1 ) Zwar denkt man oft anders: man glaubt 
wohl, dass Handlungen an sich, d. h. ohne alle Rücksicht auf ihren 
Nutzen, gut oder böse sind. Dem aber ist nicht so; man überlege 
nur, wie man zu diesen Begriffen gekommen ist. Man sagt, ein 
Messer ist gut, wenn es gut schneidet; ein Haus ist gut, wenn es 
genügendes Obdach bietet. Gutes Wetter heisst das, welches uns 
erlaubt, gewisse Wünsche zu befriedigen. Das ist ein guter Jagd 
hund, der es versteht, dem Jäger das Wild geschickt aufzujagen. 
Ein Mensch springt gut, wenn er weit springen, er läuft gut, wenn 
er schnell laufen kann. Auf der andern Seite; das ist ein schlechtes 
Paar Stiefel, welches das Wasser einlässt. Das ist schlechtes Wetter, 
welches an der Befriedigung bestimmter Wünsche hindert. Eine 
Katze heisst schlecht, wenn sie nicht Mäuse fängt. Der Mensch ist 
ein schlechter Springer, wenn er nicht weit springen, ein schlechter 
Läufer, wenn er nicht schnell laufen kann. Dies alles bedeutet 
einfach, dass das gut heisst, was seinem Zwecke entspricht, dass das 
l ) Data of Ethics. Williams and Norgate. London 1879. 8. 40. 
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