Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 34.1890 (34)

Dezember 1890. 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Die Pädagogik Goethes in „Hermann und Dorothea." 
Von Seminarlehrer Stoffel in Rheydt. 
Kein bedeutender Mann des vorigen Jahrhunderts konnte der Pädagogik 
ferne bleiben, er mußte wohl oder übel vorübergehend in ihrem Kreise wenigstens 
Umschau halten. Von Frankreich her tönte der gewaltige Trompetenstoß einer 
natürlichen Erziehung; in Dessau wirkten mit anspruchsvoller Dreistigkeit Basedow 
und Genossen, das Heil der Welt von ihren Erziehungskünsten abhängig ver 
kündend; in der Nähe von Berlin wirkte stiller, aber doch vielseitig beachtet, 
Freiherr v. Rochow; in der Schweiz lehrte Pestalozzi die Pädagogik der Liebe 
in Wort und Schrift. 
Konnte ein Mann wie Goethe, der dazu noch mit Basedow in persönlichem 
Verkehr stand, den Fragen der Erziehung und des Unterrichts ferne bleiben? 
Er mußte sogar Stellung nehmen zu ihnen. Doch hat er sich nicht direkt für 
oder wider eine der kämpfenden Parteien gewandt; er ließ vielmehr der Entwick 
lung der wichtigen Fragen ungehemmten Lauf; aber in seinem Innern reiften die 
Ideen, die er hie und da gelegentlich ausspricht. Es ist jedenfalls interessant, die 
Gedanken Goethes über den Gegenstand sich zu vergegenwärtigen; denn nicht nur 
gilt er als Deutschlands größter Dichter, man hat ihn noch neuerdings in einer 
epochemachenden Schrift den deutschesten Mann der Neuzeit genannt. Hier soll 
ein Versuch gemacht werden, und zwar sollen nicht aus Goethes sämtlichen Schriften 
Bruchstücke herausgenommen werden, um sie nach der Disposition eines pädago 
gischen Lehrbuches zusammenzustellen; es soll die beliebteste Schrift des großen 
Dichters zu Grunde gelegt und aus ihr entwickelt werden, wie Goethe über Er 
ziehung denkt. Also: die Pädagogik Goethes in seinem Epos „Hermann und 
Dorothea." 
Es war Goethe nicht möglich, bei der Liebe, die er seiner Dichtung und den 
Personen derselben zuwandte, auch nur eine der letzteren zu zeichnen, ohne einige 
Streiflichter auf ihren Bildungs- und Entwicklungsgang fallen zu lassen; ja, die 
Kaufmannstöchter, die doch am wenigsten mit der Haupthaudlung in Berührung 
stehen, treten uns in ihrer Entwicklung entgegen. Unter allen aber ist es die 
Person Hermanns, die ausführlich nach dieser Seite beleuchtet ist. Von ihm 
darum zuerst. 
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