Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 34.1890 (34)

Die Pädagogik Goethes in „Hermann und Dorothea". 443 
Teile derselben gleich mit der Klarheit überschauen, die der Vater besaß. Er be 
kümmerte sich vorab nur um die zwei Lieblingspferde, die ihm der Vater als 
Fohlen gekauft hatte, und die er besonders liebte. Dann nahm er sich des Feld 
baues an, soweit er ihn mit seinen Pferden bewältigen konnte, das übrige den 
Knechten überlassend. Um die Gastwirtschaft schien er sich gar nicht zu kümmern. 
Nach wie vor mußte der Vater die Gäste freundlich bewirten, ohne sich der 
Stütze eines flinken, aufmerksamen Sohnes erfreuen zu dürfen. Also auch in 
dieser Zeit wird der Vater nicht durch den Sohn zufrieden gestellt. Es fehlt 
dem letzteren an Überblick, Umsicht, an geistiger Gewandtheit, ja, scheinbar am 
Interesse. Seinen Absichten gemäß mußte Hermann sich vor allen Dingen um 
die kaufmännische Seite seines Geschäftes bemühen, damit er vielleicht in späteren 
Jahren gleich dem Kaufmann im gegenüberliegenden Hause Großgeschäfte machen 
und sich von der Acker- und Gastwirtschaft trennen könne. Daß ihm ein höheres 
Ideal vorschwebt, verraten seine Worte: „Hätte mich mein Vater zur Schule 
geschickt, mir die Lehrer gehalten: ja, ich wäre was mehr als Wirt „Zum 
goldenen Löwen". 
Wieder muß sich die Mutter ins Mittel schlagen, die mit dem Auge der 
Mutterliebe den Sohn durchschaut, während der Vater nur den Unterschied seiner 
Wünsche und deren Erfüllung erblickt. Sie sieht in seinem langsamen Fort 
schreiten die Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die nichts oberflächlich oder halb 
kennen lernen will, sondern die die Tiefen einer Sache ergründet, nicht mit der 
Hand allein, sondern mit der ganzen Kraft wirkt. 
„Das ists ja, was den Menschen zieret, 
Und dazu ward ihm der Verstand, 
Daß er im innern Herzen spüret, 
Was er erschafft mit seiner Hand." 
Je mehr der Sohn hinter den Wünschen des Vaters zurückblieb, desto mehr 
wurde dieser an seine eigenen Fähigkeiten, sich schnell orientieren, mit Energie seine 
Ziele verfolgen zu können, erinnert, so daß ihm der Sohn klein und unbegabt 
vorkam, dem dazu auch noch der gute Wille fehle. Schon tritt der Sohn in ein 
Alter, in dem die Vergnügungen der erwachsenen Jugend geliebt werden. Doch 
der Tanz, noch mehr der Umgang mit erwachsenen Mädchen ist ihm verhaßt. Er 
war im Benehmen linkisch, ungeschickt, und das fühlte er selber am meisten; 
darum zog er sich zurück. Wieder eine bittere Enttäuschung für den Vater. 
Sollte sich doch der Sohn frühe mit den Kaufmannstöchtern befreunden, in ihrem 
gebildeten Umgänge ein angenehmes Wesen sich aneignen und endlich eine derselben 
zur Zierde des „Löwenwirtshauses" heimführen. So war sein Haus an Glanz 
dem ersten gleich, und mit Stolz hätte er den Sohn in dieser Lage gesehen. Nun 
hält sich dieser, der früher wenigstens die nachbarlichen Beziehungen aufrecht hielt, 
seit Ostern ganz von dort zurück, zum steigenden Ärger des Alten. Da hört dieser 
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