Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 35.1891 (35)

Ein Gesetzesvorschlag über das Kinderbewahrwesen in Ungarn. 65 
darlegte, und dann „die muttersprachlichen Verhältnisse der Bevölkerung des Landes." 
Was dieser eigentümlich verbrämte Ausdruck besagen will, hat ein anderes Mit 
glied dieses Ausschusses frei und unumwunden ausgesprochen: „Die Kinder- 
bewahranstalt bildet die Grundlage der Magyarisierung." Und 
diese Absicht kommt vollkommen zur Geltung in dem Entwurf. Denn die Kinder- 
bewahrerinnen müssen darnach die magyarische Sprache beherrschen. Sie sollen 
ja die nichtmagyarischen Kinder in die Kenntnis der magyarischen als der „Staats 
sprache" einführen. 
Im Volks- und Mittelschulwesen ist dieser Götze der „Staatssprache" schon 
auf den Thron erhoben worden, nicht ohne heftigsten Widerspruch der nicht 
magyarischen Presse Ungarns, in der allein die Willensmeinung der zwei Dritteile 
Nichtmagyaren des Landes — wie die Verhältnisse jetzt liegen — zum Ausdruck 
kommen kann. Die Nationalitäten hatten geglaubt, mit diesen legislativen Er 
folgen werde sich die herrschende Rasse begnügen. Weit gefehlt! Sie greift nun 
ins innerste Heiligtum der Familie. Das dreijährige Kind schon reißt sie von 
der Mutterbrust und führt es Bewah^anstalten zu, in welchen es in magyarischem 
Geiste erzogen wird, gleichviel ob es deutscher, rumänischer oder slavischer Ab 
stammung ist. Denn jedes Kind, von dem ständige Aufsicht nicht nachgewiesen 
werden kann, wird bei Strafe von 10 Kr. bis 50 Fl. zum Besuche dieser Anstalt 
gezwungen. 
Die Entscheidung darüber hat der Kinderbewahranstalts-Ausschuß. Und nun 
denke man sich diesen Ausschuß mit dieser so wenig bestimmten und begrenzten 
Machtbefugnis ausgestattet in einer Gemeinde oder Stadt, deren Leben durch 
nationale Zänkereien zerfressen wird — wie es deren leider viele giebt in Un 
garn —, wie viel Chikanen kann der anderssprachigen Eltern bereiten, die nicht 
überzeugt sein sollten vom Segen dieser Staatserziehung vom dritten Jahre an. 
Denn wahrlich, es wird sich außer in Ungarn kein wirklicher Pädagoge 
finden, der es vor seinem Gewissen verantworten kann, daß Kinder von ihrem 
dritten Jahre an neben der Muttersprache auch die ihnen fremde „Staatssprache" 
lernen sollen. Welch' gewaltiger Täuschung geben sich doch die Magyaren hin! 
Sie glauben, auf diese Weise die übrigen ungarischen Völkerschaften sich ein 
verleiben zu können. Allein die Macht des Lebens und der Volkssitte und 
-spräche, wie sie im Elternhause an das Kind herantritt, ist doch stärker als 
selbst solche spartanische Staatserziehung. Die herrschende Partei erreicht doch 
ihren Zweck nicht. Sie will alle Anderssprachigen zu Magyaren machen. Wohl 
gelingt es ihr, die Reinheit des Volkstumes in den unter den modernen Schul 
gesetzen Heranwachsenden Generationen zu trüben. Das Magyarische wird ein 
gemengt erscheinen in Sprache und Sitte der unterdrückten Nationen. Aber darum 
wird aus dem Deutschen, Rumänen und Slaven doch kein Magyar, sondern nur 
ein armseliges Zwitterwesen. Und solche national gebrochene Menschen dürften
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.