Full text: Evangelisches Schulblatt und deutsche Schulzeitung - 35.1891 (35)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
kaum zu solchen Bürgern werden, die für ihr Vaterland Gut und Blut opfern. 
Denn das „Vaterland" ist bloß ein Raum, der nur dann der Hingabe wert ist, 
wenn nationales Leben seine Bewohner mit ihm unlöslich verknüpft. 
Also von nationalem und pädagogischem Standpunkt ist dies Gesetz ein 
Unglück für Ungarn. 
Auch von religiösem. Kinderbewahranstalten werden errichten der Staat, die 
Gemeinden, die Konfessionen. Der Staat ist röm.-katholisch, die Gemeinden sind der 
Mehrzahl nach röm.-katholisch, die röm.-katholische Konfession ist die reichste. So werden 
denn die meisten Bewahranstalten, obgleich dem Namen nach staatlich oder kommunal, 
doch katholisch sein. Denn die Mehrheit wird doch Leiterinnen ihres Glaubens hin 
setzen. Diese werden bei dem Einfluß des Klerus in Ungarn sicher Nonnen oder 
wenigstens Frauen römischer Frömmigkeit sein. Werden die wohl die Kinder der 
Minderheiten nicht auch in ihrer Weise beten lehren? Es ist kaum glaublich, 
daß sie ihnen „interkonfessionelle Gebete" beibringen werden. Das widerstreitet 
römischer Anschauung. Die Folge könnte also in solchen Gegenden, wo die Prote 
stanten nicht imstande sind, eigne Bewahranstalten zu errichten, die sein, daß ihre 
Kinder römischen Gebetsunterricht erhielten. So wird hiedurch also die Freiheit 
der Religionsübnng und die Gleichberechtigung der Konfessionen, zu der sich jüngst 
der ungarische Reichstag mit vollem Munde gegen klerikale Übergriffe und Ver 
letzung der Staatsgesetze bekannt hat, in Frage gestellt. Und dies durch die 
Gesetze einer Regierung, die unter der Flagge des Liberalismus segelt. 
Schließlich noch ein volkswirtschaftliches Bedenken gegen diesen Entwurf, der 
bei der übermagyarischen Gesinnung der Mehrheit des Reichstages zweifelsohne 
Gesetz sein wird, wenn der Leser diese Zeilen zu Gesichte bekommen wird. Die 
Leiterin einer Bewahranstalt soll außer Wohnung i» Dörfern mindestens 300 Fl., 
in Städten 400 Fl. Gehalt erhalten. Dies ist ein zu hoher Betrag. Hat doch 
ein Volksschullehrer auch nur soviel und oft weniger jährliche Eumahmen, er, der 
in der Regel auch Familienvater ist. Und dann ist der Beweis übrigens durch 
jene Bewahranstalten, die frei entstanden sind, geliefert, daß etwa mit der Hälfte 
der ministeriell vorgesehenen Kosten eine derartige Anstalt erhalten werden kann. 
Der Staat aber kann bei seiner jetzigen Geldlage die Kosten nicht tragen, welche 
die Verwirklichung dieses Gesetzes fordern. Die Konfessionen müssen sie nicht 
tragen. Die Gemeinden aber werden dazu gezwungen, sie selbst durch drei 
prozentigen Steuerzuschlag aufzubringen. So wälzt der Staat auch diese Last, 
wie so viele schon in den letzten Jahren, auf das Vermögen der Gemeinden, das 
er gerade im Jahr 1889 durch Ablösung des Schankregales, das vielfach die 
größte kommunale Einnahmequelle war, und durch Monopolisierung desselben arg 
geschädigt hat. Das Volk seufzt schon genügend unter dem Druck der Steuern 
und muß mit Gewalt von der Auswanderung zurückgehalten werden. Nichts 
destoweniger wird ihm um eine Sache, die wohl im Principe richtig und schön,
	        

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