Fünf Jahre Selbstverwaltung und die preußische Volksschule. 405
als seit Beginn der siebziger Jahre sich das Bestreben geltend gemacht habe, ihre
bisherige Befugnis einzuschränken, die Schulunterhaltungspflichtigen zu Hähern
Schulleistungen heranzuziehen. Zuerst durch die Kreisordnung, später durch die
§§ 45, 47 und 49 des Kreis- bezw. Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883
sei den Kreis- bezw. Bezirksausschüssen im Streitfälle die Vollmacht zur Ab
schätzung der Naturaleinkünfte, des Ertrages des Dienstlandes der Lehrer ohne
alle Einschränkung, die Beschlußfassung in Schulbausachen mit der Einschränkung
übertragen worden, ihren Entscheidungen im Einzelfalle allgemeine Anordnungen
der zuständigen Schulbehörden unterzulegen. Infolge der erstern Bestimmungen
seien damals nicht wenige Landstellen ohne jede Erhöhung der Einkünfte
durch höhere Abschätzung der Naturalabgaben rc. auf dem Papier — verbessert
worden.
Die gedachte Verfügung Puttkamers, sowie das Eingreifen der Selbstver
waltung habe einer merklichen Verbesserung hindernd im Wege gestanden. Amt
liche statistische Erhebungen hätten 1886 u. a. folgendes Ergebnis geliefert: Das
Durchschnittseinkommen der städtischen Lehrer habe sich gegen 1878 von 1414
auf 1345 M. verringert, das der Landlehrer infolge Erhöhung der staatlichen
Alterszulagen innerhalb acht Jahren von 954 auf nur 964 M. erhöht gehabt.
2 233373 Kinder hätten in überfüllten Klassen gesessen und infolge Ein
richtung von Halbtagsschulen auch noch verkürzten Unterricht genossen.
Trotz dieser zu Tage getretenen Schäden habe die Regierung im Vertrauen
auf den Gemeinsinn der Beteiligten durch das Gesetz vom 26. Mai 1887
auf ihre sämtlichen Machtbefugnisse bez. Förderung des Volksschulwesens zu
Gunsten der Selbstverwaltungsbehörden verzichtet. Dieses Gesetz bestimme, daß
im Weigerungsfälle über von der Regierung beanspruchte Mehrleistungen für
Volksschulzwecke der Kreisausschuß — bei Städten der Bezirksausschuß — in
letzter Linie der Provinzialrat zu befinden habe, und zwar uneingeschränkt sowohl
über die Bedürfnisfrage als auch über die Frage der Leistungsfähigkeit
und zwar ohne die Verpflichtung, allgemeine Anordnungen der Schulaufsichts
behörden sich im Einzelfalle als Maßstab dienen zu lassen. Der Zweck des
Gesetzes wäre nach dessen Begründung, „der Rücksichtnahme auf die wirt
schaftliche Lage der Gemeinden das Interesse einer weitern
Förderung des Schulwesens unterzuordnen." In gewissen politischen
Kreisen habe man bereits damals das Gesetz getauft: „Gesetz gegen die gemein
gefährlichen Bestrebungen der preußischen Regierungsschulräte." Also ein Gesetz
gegen verdienstliche, auf Hebung der Volksbildung gerichtete Bemühungen pflicht
treuer Beamten habe man schon damals in diesen Kreisen daraus zu machen
gedacht. Die Jahre 1888/89 hätten den Schulgemeinden eine dauernde Beihilfe
von 26000000 M. pro Jahr für Schulzwecke gebracht, deren Leistungsfähigkeit
bedeutend erhöht und somit die Voraussetzungen zu dem Gesetze vom 26. Mai
1887 größtenteils hinfällig werden lassen.
Wohin sei man nun auf dem Schulgebiete mit der Selbstverwaltung ge
kommen ? „Die Verwaltung ist nach den bisherigen Erfahrungen
nicht im stände, dauernd den .jetzigen Bildungsstand des Volkes
zu erhalten," mit diesen Worten begründete der Herr Minister Dr. Bosse den
gegenwärtig dem Abgeordnetenhause vorgelegten Gesetzentwurf, dessen Hauptzweck
wäre, die Schule wieder, wie bis vor fünf Jahren, der pflegenden und fürsorgen
den Obhut der Schulbureaukratie anzuvertrauen. Dem Gesetzentwürfe zur Grund

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