Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

10 I. Abteilung. Abhandlungen. 
des in ihnen am vollkräftigsten pulsierenden religiösen Lebens willen berufen, das 
religiöse Leben aller nachfolgenden Geschlechter anzuregen und anzuführen dadurch, 
daß diese „in den Sinn und die Gesinnung der heiligen Schriftsteller eingeführt" 
werden (II, S. 86), so tritt hier nun die angedeutete zweite Bedeutung der 
selben zu Tage, daß sie original von den großen Thaten Gottes 
gezeugt haben, also uns maßgebende Führer für das Erkennen und Verstehen 
dieser göttlichen Heilsthaten werden müssen. Sie haben ja nicht wie Chronisten 
die Heilsthaten als mehr oder minder bedeutsame Ereignisse beschrieben, haben 
nicht als Historiker und Biographen sie objektiv und diplomatisch festgestellt, son 
dern haben von ihnen gezeugt, um durch dies Zeugnis christliches Leben zu 
erzeugen Luk. 1, 4. Joh. 20, 30 f. Und sie haben nicht nur davon gezeugt, 
was da unter ihnen geschehen ist, wie „Gott hat besucht und erlöst «sein Volk," 
sondern sie haben uns diese Geschehnisse zugleich gedeutet. Die „Lehre" der 
Propheten und Apostel ist die Deutung der heiligen Geschichte (vgl. mein 
„Wort zur Katechismusfrage" 2. Aust. S. 11 f.). Wir haben es da nicht, wie 
Dörpfeld in dem unten mitzuteilenden Stück darlegt, mit einer streng begrenzten, 
in sich geschlossenen Theorie, nicht mit einem planmäßig durchgeführten Gedanken 
gefüge, einem ,Lehrsystenst zu thun, sondern mit den auf bestimmte Anlässe sich 
beziehenden Herzensergießungen der geisterfüllten Zeugen, die in mehr oder weniger 
zusammenhängender Weise von ihrem Glauben Rechenschaft ablegen, wie sich die 
großen Thaten Gottes in ihrem Gemütsleben spiegeln und wie sie diese Gottes 
offenbarungen und ewigen Wahrheiten und ihre darauf bezüglichen inneren Er 
lebnisse in verständliche Worte für sich und andere zu fassen suchen. Es ist ein 
Ringen darum, das Unsagbare, Göttliche auszusprechen; und jeder muß es in 
seiner Weise und Mundart thun. Was wären uns z. B. die Psalmen, wenn 
wir sie nicht als die Rede leibhaftiger Personen verstehen und zu Herzen nehmen 
könnten, als die Gebete aus den bedrängten, zerschlagenen, nach Gott schreienden 
und wieder von Gottes Gnade erquickten, belebten Gemüter, wenn es also nicht 
gerade das Individuelle, Subjektive an diesen Wahrheitszeugnissen es uns an 
thäte? Die göttliche Wahrheit , ist also nicht vom Himmel her als fertig geprägte 
Goldmünze uns gegeben; sie kann nur annäherungsweise von uns aufgefaßt 
und abgebildet werden in inadäquaten Worten. „Wer einen Einblick in das hat, 
was Wahrheit ist im biblischen, d. i. im himmlischen Sinne, weiß auch, daß,sich 
keine dieser Wahrheiten so einfach aussprechen läßt, daß man sie so leichthin mit 
Frage und Antwort abmachen kann. Je tiefer eine Wahrheit liegt, desto weniger 
ist die Menschensprache fähig, sie geradehin auszusprechen, und daher ist die 
Sprache Christi, seiner Apostel und Propheten besonders da, wo sie Hohes und 
Tiefes offenbaren will, vorwiegend Bild, eine in Wörter gefaßte Sym 
bolik, oder noch anders zu sagen: sie giebt Zeichnungen von Dingen, 
die der Herr auf die Erde niederbringen will. Vor diese Zeichnungen stellt sich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.