Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens :c. 
Um zu zeigen, wie Sach- und Sprachunterricht in Verbindung zu setzen 
sind, und um dem Einwände der Gegner eines Real-Lesebuches zu begegnen, die 
behaupten, die schriftlichen Arbeiten der Schüler würden sich auf bloße Wieder 
gaben beschränken, wurde zum Schluß noch folgender Schüleraufsatz angefertigt. 
Bitte der Singvögel um Ausrottung der Sperber. 
Lieber Förster! Wir kommen zu Dir mit der Bitte, in unsrer Gegend die 
Sperber zu vertilgen. Sie sind unsre gefährlichsten Feinde. Schon aus weiter 
Entfernung bemerken sie uns mit ihrem ungemein scharfen Gesicht. Dann eilen 
sie mit ihren langen, spitzen und kräftigen Flügeln herbei, und stoßen plötzlich 
auf uns herab. Ihnen zu entrinnen ist unmöglich. Sie packen uns mit ihren 
kräftigen, scharfen Krallen und fliegen auf einen Baum, wo sie uns mit ihrem 
spitzen, starken Schnabel den Kopf zerhacken, uns in Stücke zerreißen und mit 
Haut und Haar verschlingen. Doppelt gefährlich sind sie uns, wenn sie Junge 
im Horst haben. Deshalb bitten wir dich dringend, ihre Nester auszunehmen, 
die Jungen zu töten und die Alten zu erschießen. Für die Erfüllung unsrer 
Bitte würden sehr dankbar sein Die hiesigen Singvögel. 
Der Begriff „Raubvögel" wird erst dann gebildet, wenn auch die Eulen 
behandelt worden sind. 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, Biogra 
phien, Korrespondenzen, Erfahrungen aus dem Schul- 
und Lehrerleben. 
Schulgedenkfeier zu Kaiser Wilhelms I. Geburtstag. 
(22. März.) 
Auf nachfolgende Weise wurde der 22. März vor allen Schülerinnen einer 
höheren Mädchenschule gefeiert, wobei noch eine Beteiligung der Kinder durch 
Chorgesang und Deklamation gegen den Schluß hin vorgesehen war. Das 
Alter der Schülerinnen ist ein so verschiedenes (6. —17. Jahr), daß der Lehrer 
in Bezug auf die Auswahl und Fassung des Stoffes in Verlegenheit geraten 
dürfte. Will er nach der Fassungskraft der älteren Klassen reden, so wird er 
für die jüngsten zumeist unverständlich (er niüßte denn die Kunst des I. P. Hebel 
verstehen), und die Feier wirkt dann auf diese nur durch ihre äußere Form; 
spricht der Lehrer für die Kleinsten (und das ist schwierig und nicht jedem ge 
geben), so wird er dem Bedürfnis der älteren Schülerinnen nicht gerecht. Wir 
haben einen Mittelweg einzuschlagen versucht, bei welchem, wie wir selbst ein 
gestehen müssen, auch die Kleinsten noch recht spärlich interessiert worden sind; 
hingegen nehmen wir an, daß der mittlere Haufe sein gutes Teil verstanden hat, 
die Oberklassen sind zudem durch die Anwendung bekannter biblischer Sprüche 
auf das Leben Kaiser Wilhelms zur Anteilnahme genötigt. Da nämlich die 
Sprüche den Kindern aus der Religionsstunde her geläufig sind, so bietet das
	        

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