Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Schulgedenkfeier zu Kaiser Wilhelms l. Geburtstag. 
117 
Ganze eine naheliegende Anwendung des Gelernten auf einen weltgeschichtlichen 
Stoff, ist also ein Stück Konzentration und gehört mit zu dem, wodurch „das 
religiöse Gefühl und der Funke christlichen Geistes in der Schule gepflegt und 
gemehrt werde" (Wilhelm II.). In den mehrklassigen Volksschulen feiert zu 
meist jede Klasse für sich, wodurch die Feier sich mehr dem Standpunkte der 
Kinder anbequemen kann und muß, ein Vorteil, den die Gemeinsamkeit der Feier 
in höheren Schulen trotz ihres imposanten Eindrucks unseres Erachtens nicht aufwiegt. 
Der Gang des Vortrags ist versuchsweise nach den Formalstufen geordnet 
worden, daher der vergleichende Hinweis auf David u. a. Naheliegende, den 
Kindern geläufige Stoffe zur Vergleichung sind die besten. Unseres Wissens 
wird hier zum ersten Male versucht, das Prinzip der Formalstufen auf einen 
akroamatischen Lehrvortrag anzuwenden, und es ließe sich das Längere und Brei 
tere über die Berechtigung eines solchen Verfahrens sagen. Wenn man gewohnt 
ist. im Unterricht durch lebhaftes Fragen und Antworten einen Stoff zum Ver 
ständnis zu bringen und den Schülern zur Pflege der Selbstthätigkeit stets auf 
der Ferse zu bleiben, so wird man rechte Ursache haben, bei Schulfeierlichkeiten 
im zusammenhängenden, den Kindern so ungewohnten Vortrage recht einfach, vor 
sichtig und womöglich so zu verfahren, daß der Stoff vor dem Geiste der Schüler 
entwickelt werde, so daß das eine Stück aus dem andern folgt; in dem Falle 
kommt es also nicht auf die Frageform an, sondern auf die Bildung logischer 
Schlußreihen. Dieser Gedanke, den Diesterweg in einem Vortrage über die 
Lehrmethode Schleiermachers ausführt (Rheinische Bl., 1834, 2. Heft), 
hat uns mit veranlaßt, der Arbeit die gedachte Form zu geben. Gäbe man 
bei einer solchen Feier den Kindern nur das Zuckerbrot einer geschichtlichen Er 
zählung, so würde ihr Vergnügen unstreitig nicht gering sein, ob aber der Gewinn 
dabei größer uud nachhaltiger sein würde, als bei der mühsameren Mitdurch 
arbeitung eines einfachen einheitlichen, leitenden Gedankens, dürfte fraglich er 
scheinen. Doch bleibt es dabei: Der Vortrag sei möglichst einfach und konkret, 
und man hüte sich, ihm eine Sache schlankweg zu übertragen, die sich besser für 
die dialogische Unterrichtsweise eignen würde. Es hat uns allemal eigentümlich 
berührt, wenn ein Lehrer, der sonst den Unterricht entwickelnd, mit Hülfe von 
guten Fragen und wohlabgemessenen Lesestücken erteilt, bei einer Schulfeier einen 
langen, gelehrten Vortrag, oft in systematischer Abfolge, „liest". 
Der Zusammenhang mit dem Unterrichtsmaterial ist auch bei dieser Feier 
gewahrt worden, insofern bildet das Dargebotene zunächst eine Wiederholung (denn 
das Lebensbild Kaiser Wilhelms I. war bereits vor den Kindern nach mehreren 
Seiten hin behandelt worden); das den Kindern Neue in der Darbietung ist 
eine Erweiterung und Ergänzung des betr. Stoffes und — als wichtigstes 
Stück — der Umstand, daß das Ganze in ein neues Licht gerückt wird: das 
bereits in der Religionsstunde behandelte begriffliche Material wird hier von 
neuem angewandt und fundiert. Dabei darf es aber nicht sein Bewenden haben, 
die Feier muß vielmehr später neue Anknüpfungsmaßnahmen erfahren (Vergl. 
die Vorbemerkung der Schulgedenkfeier zu Kaiser Friedrichs Geburtstag im Ev. 
Schulblatt 1893, 10. Heft.) 
Heute ist der 22. März. Viele von euch wissen, daß in früheren Jahren 
an diesem Tage der Geburtstag Kaiser Wilhelms I. gefeiert wurde. Auch heute 
wollen wir seiner nicht vergessen. Wir wollen singen:
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.