Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
und er soll den Schüler anleiten, ebenfalls sein eigenes Verständnis von dem 
Angeschauten in Worten wiederzugeben. Die biblische Erzählung muß „in leben 
digem Wort und gleichsam neuer, verjüngter Gestalt" auftreten (II, 
S. 97 vgl. I, S. 110). 
So vertieft Dörpfeld die allgemein anerkannte Forderung, die biblische 
Geschichte ,anschaulich und erbaulich* zu behandeln; denn anschaulich kann 
nur der berichten, der selbst etwas mit eigenen Augen geschaut hat, also auch 
selbständig darzustellen vermag und erbaulich nur der, der selbst sich erbaut 
hat und selbst mit Bewußtsein weiterbaut an dem Bau, den die Apostel auf dem 
einigen Grunde mit Gold, Silber und Edelsteinen aufgeführt haben (1. Kor. 3, 
9-13). 
Aus dem innersten Wesen der christlichen Religion heraus, sagten wir zu 
Anfang, hat Dörpfeld die Aufgabe und die entsprechende Behandlung des Religions 
unterrichts erfaßt und abgeleitet. Den Beweis dafür glauben wir in dem An 
geführten geliefert zu haben. Das war in allem der Leitgedanke dieses ebenso 
religiös wie pädagogisch tief gegründeten Schulmannes, daß die christliche Religion 
nicht Wissens- sondern Gewissenssache sei, nicht Lehre, sondern persönliches Leben. 
Die Persönlichkeiten der religiösen Klassiker mit ihren Zeugnissen sind die Quelle 
und Norm der Unterweisung, religiöse Persönlichkeiten die Träger und Vermittler 
solcher Unterweisung zur Seligkeit, religiöse Persönlichkeiten sind dann auch das 
Ziel und die Frucht einer solchen. Ja, einem so echt christlichen, schristgemäßen, 
lebensvoll behandelten Religionsunterricht kann der Segen Gottes, der Erfolg 
nicht fehlen. Zum mindesten nicht der Erfolg, den man sich von der Beschäf 
tigung nicht stumpfsinniger Gemüter mit den weltlichen Klassikern mit Recht ver 
spricht: daß sie die jugendliche Begeisterung, den Sinn und Geschmack für das 
Hohe, Edle und Sittlich-Schöne, den echten Idealismus erweckt und nährt. Und 
wer wollte solchen Erfolg gerade für den Religionsunterricht gering anschlagen? 
Denn „daran daß dieses erreicht wird (nämlich den Kindern die biblischen Ge 
schichten „lieb und wert" zu machen), an der Freude der Kinder an der Sache 
hat der Lehrer als an dem sichersten Merkmal zu erkennen, ob seine Behandlung 
der Sache eine angemessene gewesen ist" (I, S. 213 vgl. S. 83 f.). So wird 
ihnen die „Schulzeit zum Frühling des Lebens und zur Saatzeit der Ewigkeit." 
6. verdienst nnd Wirkung der Dörpfeldschen Ueformgedanken. 
Mit dieser Besprechung sind die in dem dritten Bande aufgespeicherten 
Gedankenschätze keineswegs schon gehoben. Hoffentlich hat sie jedem Leser Lust 
gemacht, selbst nach diesem Buch zu greifen, um sowohl die oben skizzierten Grund 
sätze ausgeführt zu sinden wie auch den von anderen Gesichtspunkten beherrschten 
Gedankenreihen des Verfassers nachzugehen; denn Dörpfeld war ja nicht so ein 
seitig oder so versessen auf eine bestimmt zugespitzte Idee wie die der ,religiösen
	        

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