Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Lesefrüchte. 
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Jesus von Nazareth bietet sich uns hier als Lehrer an. Er sagt es jedem 
ohne Unterschied des Alters, des Geschlechtes oder des Berufes: Lerne von mir. 
„Aber wer bist du, daß du alle Menschen in deine Schule rufst?" 
„„Ich bin sanftmütig. — Du ärgerst dich leicht an dem Betragen der 
Leute; du stößt auf allerlei Schwierigkeiten, wenn du ihnen Helsen willst; du 
wirst zurückgestoßen, vielleicht gar verlacht; man will nichts von Dir wissen; 
achtet deine guten Absichten nicht, schlägt alles in den Wind; wo du gebaut hast, 
reißen andere wieder nieder. Ich kenne das, hab' es auch erfahren und wohl in 
schlimmerem Maß als du; doch ich bin sanftmütig, ich habe mir durch alles 
Thun der Leute das Ziel nicht verrücken lassen; ich bin geblieben, der ich war, 
lerne von mir. 
„„Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Das Leben auf Erden 
ist nicht so freudenleer, wie es dir manchmal scheinen will. Laß die Freude nur 
zur Erscheinung kommen. Deine Hand selbst ist eine Quelle vieler Freuden. 
Was kannst du nicht alles thun für deine Eltern oder Kinder oder Nachbarn 
oder Berufsgenossen oder Doch du kennst die Menschen deiner Um 
gebung selbst am besten. Allerdings, wenn du meinst, diese alle seien doch 
eigentlich um deinetwillen da, dann ist diese Quelle verstopft. Dann aber — 
lerne von mir, ich bin von Herzen demütig. Ich bin nicht gekommen, mich be 
dienen zu lassen, sondern zu dienen. Siehe, es gehen einige durchs Leben wie 
Vergnügungsreisende und sie haben bei mancher erfahrenen Täuschung allerlei 
Gründe zu klagen; andere aber, wie einst die Apostel Jesu; sie wissen, daß sie 
eine Mission haben und deren Erfüllung ist ihre Lust."" 
Hast du in dieser Schule schon gelernt? Zwar kann dich niemand zwingen, 
in diese Schule zu gehen; es hängt ab lediglich von deinem freien Entschluß. 
Aber vielleicht machst du einen Versuch, wenn du an den Erfolg denkst: Ruhe 
für die Seele, nennt ihn der Lehrer. Denke einmal: überflüssig zu sein in der 
Welt und sich schließlich sagen zu müssen, daß man umsonst gelebt habe, das 
dient doch nicht gerade zur Ruhe des Gemütes und fördert nicht die Zufrieden 
heit. So ist dir denn hier ein Weg gewiesen, der deinem Leben rechten Inhalt 
und Wert giebt. 
Lesefrüchte 
}\\ einer der brennenden Fragen des Tages, der Lchristfrage. 
Jede biblische Geschichte ist eine Weissagung, die durch alle Jahrhunderte 
und in der Seele jedes Menschen erfüllt wird; jede Geschichte trägt das Eben 
bild des Menschen, einen Leib, der Erde und Asche und nichtig ist, den sinn 
lichen Buchstaben, aber auch eine Seele, den Hauch Gottes, das Leben und 
das Licht, das im Dunkeln scheint und von der Dunkelheit nicht begriffen werden 
kann. Der Geist Gottes in seinem Worte offenbart sich wie das Selbständige 
— in Knechtsgestalt, ist Fleisch und wohnet unter uns voller Gnade und 
Wahrheit. 
Hamanns Schriften I, 50. 
Wir haben diesen Schatz göttlicher Urkunden, mit Paulo zu reden, in 
irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht 
von uns. Derselbe II, 208. 
9«.
	        

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