Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Ist die Selbstdemütigung und Selbstaufopferung unseres Gottes Inhalt der 
heiligen Schrift, so sollen wir nicht der Wahrheit widerstreben, wenn statt einer 
von uns begehrten Herrlichkeit der Schrift durch die kritische Arbeit unserer Tage 
vielmehr ihre Demut und Niedrigkeit zum Vorschein kommt. 
Ob auch manchem der kritische Prozeß, in dem eben das Alte Testament 
sich befindet, den Eindruck machen mag, daß hier alles in Flammen stehe, soll 
er doch wissen, daß Gottes Wort eben jener Busch ist, den Moses in Flammen 
stehen sah und der doch nicht verbrannte. 
Prof. Grau: Was bleibt vom Alten Testament? S. 21 f. resp. 13. 
Gütersloh, Bertelsmann, 1891. 
Die heilige Schrift ist etwas Besseres als ein fehlerloses Buch. 
Pros. v. Hofmann, citiert nach Graus Vortrag: „Zur Jnspirations- 
lehre", S. 9, Leipzig, Richier, 1892. 
Der Epeget sucht das Bibelwort verstehend zu durchdringen und gräbt nach 
den Wurzeln, aus denen es erwachsen ist und mißt es nach seinem Wahrheits 
gehalte und bestimmt seine Grenze, an der seine Geltung zu Ende ist?) Der 
Glaubende öffnet sich selbst dem Schristwort, läßt sich selbst von demselben messen 
und richten und sich selbst von demselben das Gepräge geben und die Grenzen 
setzen. Während wir bei allem Begreifen über dem Gegenstände stehen und uns 
seiner inwendig bemächtigen, stellen wir uns im Glaubensakte unter das Wort 
und sind von ihm ergriffen und ergreifen das, wovon wir ergriffen sind . . . 
Das Problem Glaube und Forschung ist unsterblich und tritt mit jeder neuen 
Wendung des geistigen Lebens neu hervor, genau in derselben Weise wie die 
Spannung zwischen Glaube und Werk in jeder Periode der Kirche und in jedem 
Christenleben zum Vorschein kommt und immer aufs neue die Lösung verlangt. 
In der Schriftfrage sind es unsre eignen Vorstellungen über die Bibel, die uns 
am meisten hindern und unsre Glaubensübung stören. Zerschneidet und ver 
dunkelt die historische Schriftforschung wirklich den Zusammenhang der Schrift mit 
Gott? Hat sie die Kraft gehabt dieselbe profan und leer zumachen? Ist wirklich 
sie die Schuldige, wenn wir durch das Schriftwort nicht mehr Gott hören und 
nicht mehr zum Glauben an dasselbe gelangen? Ich verneine dies. 
Schlatt er, Der Glaube an die Bibel, Rede in der Barmer Festwoche 
1893 S. 21 u. 23. Barmen, Wupperthaler Traktat-Gesellschaft 30 Pf. 
Der psychologische Prozeß selbst bei der Inspiration der Personen und ihres 
Redens ist einfach der gewöhnliche, und auf diesem Wege vermag auch der 
Offenbarungsgeist selbst nicht mehr, als die möglichst reine und adäquate 
Erkenntnis der Offenbarung in die möglichst adäquate Aussprache dieser Er- 
kenutnis hervorzubringen. Wir sagen „möglichst", d. h. so wie es Menschen 
möglich ist, also kann von absoluter Zrrtumsfreiheit des einzelnen Worts an und 
für sich nicht die Rede sein. 
Kübel: Über den Unterschied zwischen der positiven und 
liberalen Theologie (2. Aust. 1893). 
9 Vergl. dazu Dörpfelds Bemerkungen im Schulblatt 1895, Nr. 1, S. 19.
	        

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