Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Lesefrüchte. 
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Ich glaube steif und fest, daß in diesen Tagen der Teufel sich des Jnspirations- 
und Kritikbegriffs bedient, um die Gemeinde der Erlösten in zwei Lager zu 
zersprengen. 
Dr. jur. Herm. Christ, Am Wasser Mara S. 23 (In Bezug auf den 
Streit um die Schriftfrage in der Baseler Missionsgemeinde). Basel, Detloffsche 
Buchhandlung, 1895. 
Beweist sich das Gelesene an unserm Herzen als Gottes Wort, so ist diese 
Erfahrung eine unmittelbare Wirkung des göttlichen Geistes, nicht das Resultat 
einer historischen Untersuchung. Unser Glaube ist also in gewissem Sinne un 
abhängig vom litterarischen Bestand und Befund. Wir alle erbauen uns an 
dem König unter den Propheten, an Jesaias, diesem Evangelisten des alten 
Bundes. Erklärt uns nun ein gläubiger Theologe, der sonst unser Vertrauens 
mann ist, seine Forschung habe ihn darauf geführt, die Abfassung von Kap. 
40—66 in eine spätere Zeit zu setzen, so erschreckt uns das nicht .... 
Wenn mir ein Heilmittel zur Gesundheit verholfen hat, soll mich das an 
meiner Genesung oder an der Kraft des Heilmittels irre machen, wenn ich nach 
träglich entdecke, daß die aufgeklebte Etikette nicht die richtige war? 
Schweizerisches Evangel. Schulblatt, Bern (auch anläßlich des 
genannten Streites) 1895, Nr. 4, S. 46 f. 
Es war gewiß ein schlimmer Fehler, daß man bei der Begründung der 
evangelischen Theologie im 16. und 17. Jahrhundert sich auf die Verbal 
inspiration gestützt und die fromme Laienwelt bis heute in diesem Glauben ge 
lassen hat. Man hätte wie Christus und die Apostel das Alte Testament, so 
die ganze heil. Schrift als Gottes Wort brauchen können, ohne über ihre ab 
solute Jrrtumslosigkeit ein Dogma aufzustellen, das dem forschenden Geiste wie 
dem einfältigen Wahrheitssinn nicht stand hält. In weiser Erkenntnis haben die 
Reformatoren solche Aufstellungen in den Bekenntnisschriften vermieden. Erst die 
Epigonen sind auf diesen falschen Weg getreten; die Klassiker der lutherischen 
Kirche finden wir auf demselben nicht. Dann hat bei der Erneuerung der gläu 
bigen Theologie noch mehr der Mut als die Erkenntnis gefehlt, den Laien über 
den Sachverhalt reinen Wein einzuschenken. 
Stöcker, Evangel. Kirchenzeitung 1895, Nr. 6, S. 38. 
So viel für heute. Es sind das alles Zeugnisse unserer besten, positivsten 
Theologen oder Laien, den Lesern dargeboten nicht zur Beunruhigung, wohl aber 
zu erneuter ernster Besinnung über dies Problem, das unsere Christenheit wieder 
so tief erschüttert. Der christliche Laie, namentlich aber der Lehrer, wie auch das 
Citat aus dem Schweizer. Schulblatt zeigt, hat die heilige Pflicht, sich mit dieser 
Frage auseinanderzusetzen, um bei ehrlicher Anerkennung gewissenhafter wissen 
schaftlicher Forschung sich doch in seinem Glaubensstande völlig unabhängig von 
aller Kritik zu machen. 
Sollte es geraten erscheinen, so komme ich gerne auf diese große Frage im 
Zusammenhange zurück, und sehe zu dem Zwecke etwaigen Winken, Fragen, Ein 
wendungen gern entgegen. 
Bielefeld. v. Rohden.
	        

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