Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sophie, d. i. alles wissenschaftlichen Denkens. — Für die Arithmetik ist 
das empirisch Gegebene die Zahlenreihe; für die Geometrie sind es die 
Rauniformen: zunächst die körperlichen und weiter die Flächen und Linien; 
für die Naturkunde die Naturerscheinungen: die Körper und die daran vor 
kommenden Veränderungen. Die Psychologie geht aus von den ver 
schiedenen Erscheinungen des Seelenlebens: dem Empfinden, Wahrnehmen, 
Vergessen, Reproduzieren, Begriffe bilden u. s. w.; die Logik von den 
Formen des Denkens: den Anschauungen, Begriffen, Urteilen, Schlüffen rc.; 
die Ästhetik von den mancherlei schönen Formen, welche dem Gesicht und 
Gehör sich darbieten. Ähnlich ist's in allen übrigen Wissenschaften. 
Auf eins sei nebenbei noch aufmerksam gemacht. Vielen Wissenschaften 
geht es mit ihrem empirisch gegebenen Stoffe so, wie der Metallindustrie 
mit dem ihrigen. Die Metalle finden sich in der Natur bekanntlich selten 
rein vor, sondern meistens als Erze, d. i. mit andern Metallstoffen ver 
mischt, weshalb denn erst ein Reinigungsprozeß vorgenommen werden muß. 
So sind auch bei manchen Wissenschaften die gegebenen Thatsachen, wie 
die Erfahrung sie liefert, noch mit allerlei Zuthaten vermischt, welche erst 
durch einen Abstraktionsprozeß davon ausgeschieden werden müssen. Was 
z. B. die geometrische Forschung vorfindet, sind reale Körper. An einem 
solchen Körper ist aber die Eigenschaft, welche wir Raumform nennen, ver 
wachsen mit einer Menge physikalischer Eigenschaften. Die Geometrie hat 
es indes nur mit der Raumform zu thun. Damit nun diese deutlich vor 
den Blick treten kann, müssen die physikalischen Eigenschaften erst alle weg 
gedacht werden. 
Sehen wir uns jetzt danach um, was für Erfahrungs-Thatsachen die 
Ethik vorfindet. 
Wo in der menschlichen Gesellschaft Handlungen vorkommen, welche 
das Interesse einer anderen Person berühren, sei es wohlthuend oder wehe- 
thuend, da pflegt eine solche Handlung auch stets ein Urteil wachzurufen, 
worin dieselbe gewertet wird, gleichviel ob es laut ausgesprochen oder 
bloß still gedacht wurde. Das Urteil kann entstehen in allen Personen, 
welche um die Handlung wissen: in der Person, welche davon berührt 
wird, in dem Handelnden selbst, in den Zuschauern und in denjenigen, 
welche durch Hörensagen davon Kunde erhalten haben. Im allgemeinen 
läßt sich eine Handlung in dreifacher Weise beurteilen, je nachdem nämlich 
eine der verschiedenen Seiten derselben ins Auge gefaßt wird. Einmal 
kann daraus gesehen werden, ob sie ihrem Zwecke entspricht oder genauer 
gesagt: ob sie wohl überlegt war oder nicht. Zum andern, ob sie geschickt 
ausgeführt wurde oder nicht. Zum dritten kann die in ihr zu Tage
	        

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