Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Aus dem Nachlasse f F. W. Dörpfelds rc. 
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tretende Gesinnung gewürdigt werden. Im ersten Falle ist es die Klug 
heit, welche taxiert wird; im zweiten Falle die technische Geschicklich 
keit, also in beiden Fällen eine rein intellektuelle Fähigkeit. Im dritten 
Falle, wo auf die in der Handlung sich offenbarende Gesinnung der Blick 
gerichtet wird, haben wir das sittliche Urteil. Wie man sieht, ist das 
selbe von jenen beiden Arten der Urteile scharf geschieden. Die sittlichen 
Urteile wollen wir jetzt näher ins Auge fassen. 
Dieselben kommen ohne Zweifel nicht minder häufig vor als die Ur 
teile über die intellektuellen Seiten einer Handlung. Wer in den gesell 
schaftlichen Gesprächen darauf achtet, falls die Rede sich um Personen dreht, 
kann sie in Hülle und Fülle auflesen. In der Regel wird man mehr 
kritische als anerkennende Urteile zu hören bekommen. Ob nun daraus 
geschlossen werden darf, daß die tadelhaften Handlungen zahlreicher seien 
als die löblichen; oder ob darin sich kund giebt, wie andere meinen, daß 
das menschliche Herz lieber tadele, als lobend anerkenne — was dann jene 
erste Ansicht nur bestätigen würde, da die „böse" Zunge eben verrät, daß 
das Herz böse ist — wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Jeden 
falls ist aber noch ein anderer Grund mit im Spiele, der deutlich besehen 
werden kann. Die sittlich korrekten Handlungen werden gleichsam als selbst 
verständlich hingenommen, wie sie ja auch eigentlich selbstverständlich sein 
sollten; die inkorrekten dagegen lenken durch ihr Abweichen von der Schnur 
die Aufmerksamkeit auf sich und fordern somit eben die Kritik heraus. 
Unsere Sprache ist sehr reich an Ausdrücken, welche aus den sittlichen 
Urteilen herstammen. Man denke nur — abgesehen von den allgemeinen 
Begriffen: Sollen, Pflicht, Tugend, Laster u. s. w. — an die lange 
Reihe der Adjektive, welche specielle, sittliche Charakterzüge bezeichnen, wie: 
liebevoll, gütig, uneigennützig, barmherzig, sanftmütig, demütig, bescheiden, 
edel, großmütig, hochherzig, gerecht, rechtschaffen, ehrlich, lauter, wahrhaftig, 
treu, bieder u. s. w. — und die Gegensätze: lieblos, selbstsüchtig, hart 
herzig, eigennützig, habsüchtig, geizig, ungefällig, ehrsüchtig, herrschsüchtig, 
wortbrüchig, heuchlerisch, betrügerisch, verlogen, arglistig, niederträchtig u. s. w. 
Wer sich die Mühe geben will, das ethische Sprachmaterial (Adjektive, 
Substantive und Verben) aus den Litteraturwerken resp. aus deu Wörter 
büchern zusammenzulesen, wird ein ansehnliches Register bekommen. I Der 
Reichtum dieser Ausdrücke ist ein Beweis, daß das Ethische eine große 
I Ich kann jedem Leser nur raten, sich ein solches Verzeichnis anzulegen und 
dasselbe versuchsweise zu ordnen; es ist eine vortreffliche Vorübung zum Orientieren 
auf diesem Gebiete. — Es ist auch eine nützliche Arbeit für die Schüler, selbst die 
Mittelstufe kann sich schon daran versuchen. (Vgl. mein „Repetitorium der Gesell- 
schaftskunde. 4. Aufl. S. 4 f.) 
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