Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Rolle im Menschenleben spielt; so wie er andrerseits erkennen läßt, daß die 
Ausgestaltung des Ethischen — gerade wie die des Ästhetischen in einem 
Kunstwerke — sich aus einer Menge feiner und feinster Züge zusammensetzt. 
Das sittliche Urteil kommt aber nicht bloß bei solchen Völkern vor, 
die unter dem Einflüsse des Christentums stehen, sondern auch bei den 
übrigen; desgleichen nicht bloß bei civilisierten Nationen, sondern auch bei 
Naturvölkern, selbst bei den rohesten. Freilich steht bei den letzteren das 
sittliche Gemerk noch auf einer niederen Stufe, gerade wie die übrigen 
geistigen Fähigkeiten, welche über das sinnliche Auffassen hinausgehen; allein 
so gewiß ein solcher Naturmensch eine Ohrfeige von einer Liebkosung unter 
scheiden kann, so gewiß muß ihm allmählich merkbar werden, daß es unter 
schiedliche Gesinnungen giebt. 
Was wir nun bei den Menschen der Jetztzeit überall finden, das 
findet sich auch bei denen der Vergangenheit, soweit die geschichtliche Kunde 
zurückreicht. Alle Litteraturwerke aus früherer Zeit, welche von mensch 
lichen Thaten und Schicksalen handeln —- gleichviel ob es geschichtliche 
Berichte oder poetische Produktionen sind — enthalten auch zahlreiche sitt 
liche Urteile der mannigfachsten Art. Ich will nur an einige alte Schrift 
denkmäler erinnern, welche jedem zur Hand sind: an die bibl. Erzählungen 
der Urzeit und Patriarchenzeit, wo die mosaische Gesetzgebung noch nicht 
eingewirkt hatte, und an die homerischen Gedichte. 
Das Werten der Handlungen nach der darin sich offenbarenden Ge 
sinnung oder das sittliche Urteilen tritt somit überall auf, wo Menschen 
gesellschaftlich leben. Es wird demnach für eine allgemeine Thatsache 
gelten können. Ist es aber das, so muß die geistige Anlage dazu als 
zum Wesen des Menschen gehörig betrachtet werden — gerade wie die 
Anlage zum Ästhetischen und Logischen. 
Diese sittlichen Urteile nun, wie sie in der Gegenwart und Ver 
gangenheit in reicher Fülle vorliegen, sind für den Forscher das erste 
natürlich und erfahrungsmäßig gegebene Material, um von 
hier aus die Natur und .den Begriff des Sittlichen zu ermitteln und dann 
weiter seine wahren Kennzeichen klar zu stellen. 
Ich sage: das „erste" ersahrungsmäßige Material; denn es giebt 
noch andere Erfahrungsthatsachen, die vom ethischen Gemerk der Menschen 
Zeugnis geben, und sogar mehrfacher Art. Dieselben lassen sich in folgende 
vier Klassen ordnen: 1. erziehliche Weisungen (oder Vorschriften, 
Mahnungen, Lebensregeln), d. h. Weisungen, welche der Erzieher dem 
Zöglinge giebt; (z. B. Man darf nicht lügen, nicht stehlen u. s. w.); 
2. Sitten ethischer Art; 3. die Staatsgesetze; 4. sog. Weisheits 
sprüche, wie z. B. die Sprüche Salomos. Als eine Thatsache fünfter
	        

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