Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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Aus dem Nachlasse f F. W. Dörpfelds rc. 
Art könnte man noch anführen, daß alle Religionen, deren Gottesbegriff 
über der rohen Fetischvorstellung steht, in ihrer Lehre auch irgend welche 
ethische Vorschriften geben. Begrifflich sind diese Vorschriften jedoch nichts 
anderes als die erwähnten Erziehungsweisungen, nur mit der formellen 
Änderung, daß sie nicht im Namen einer menschlichen Autorität, sondern 
im Namen Gottes auftreten, also als Ausdruck des göttlichen Willens 
gelten wollen. An der größeren und geringeren Reinheit der ethischen 
Lehren eines solchen Religionssystems hat man immer ein sicheres Kenn 
zeichen dafür, auf welcher Stufe hier der Gottesbegriff und das religiöse 
Denken überhaupt steht. — 
Wie sich später deutlicher zeige« wird, unterscheiden sich diese vier 
resp. fünferlei neuen Thatsachen dadurch von den Einzelurteilen, daß sie 
nicht wie diese primitive Äußerungen des ethischen Bewußtseins sind, son 
dern abgeleitete, d. h. sie setzen die Einzelurteile voraus und sind aus 
diesen als aus ihrer Quelle oder Wurzel hervorgegangen. 
Die Erziehungsweisungen müssen da entstanden sein, wo die 
erziehliche Aufgabe entsteht, in der Familie. Die Eltern wollen die Kinder 
auf das, was sie selbst als löblich oder verwerflich erkannt haben, auf 
merksam machen, und dieselben womöglich dahin führen, daß sie ihrerseits 
ebenfalls in diesem Sinne urteilen und handeln. Da nun die Faniilie 
die Urform der menschlichen Gesellschaft ist, so wird man die Erziehungs 
weisungen als die geschichtlich älteste der abgeleiteten ethischen Thatsachen 
ansehen dürfen. 
Die ethischen Sitten lassen schon an einen größeren gesellschaftlichen 
Verband denken, sei es auch nur die Sippe oder die Stammesgemeinschaft. 
Sie setzten zweierlei voraus. Einmal dies, daß diejenigen ethischen Urteile, 
welche diesen Sitten zu Grunde liegen, bereits von allen tonangebenden 
Gliedern der Gemeinschaft anerkannt gewesen sind; und zum andern, daß 
dieselben schon seit längerer Zeit in der Erziehung gehandhabt wurden und 
zwar so nachdrücklich und übereinstimmend, daß niemand sich diesem Ein 
flüsse entziehen konnte. Tacitus' bekannter Ausspruch über die alten Ger 
manen : „bei ihnen gelten gute Sitten ebensoviel als anderswo gute 
Gesetze", enthält daher nicht bloß ein Kompliment für die ethische Ge 
sinnung unserer Vorväter, sondern auch für ihre Erziehungsweise. 
Bei den Staatsgesetzen haben wir zunächst an die eigentlichen 
Rechtsordnungen zu denken, nicht an diejenigen Satzungen, welche die Ver 
waltung regeln (Verwaltungsordnung). Jene finden sich auch in den aller 
einfachsten Anfängen des staatlichen Lebens, gleichviel ob sie bereits auf 
geschrieben sind, oder bloß traditionell fortgepflanzt werden. Der Rechts 
schutz ist eben das Bedürfnis, dem das Staatswesen seine Entstehung ver-
	        

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