Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
(Verhalten), was zu diesem gewollten 
Zwecke verhelfen soll.) 
Fr. Wie steht es nun um diesen vorausgesetzten ge 
wollten Zweck? Mit welchem Recht kann man 
ihn (Wohlfahrt) als feststehend, als gegeben an 
nehmen, worüber nicht weiter zu sprechen, woran 
nicht zu zweifeln sei? 
Antw.: Alle Menschen (ohne Unterschied) wünschen 
von Natur: Wohlfahrt, Glückseligkeit. So ist's! 
Es ist Naturtrieb?) Was lebt, wünscht glück 
lich zu leben. Glückseligkeit wäre demnach (der 
Natur nach) das höchste Gut; darnach zu 
streben, der Zweck, die Bestimmung des 
Menschen. 
sEinige Katechismen fangen an mit der Frage: Was 
muß deine größte Sorge sein? Antw.: Daß ich 
selig werde. — Wie verhält sich diese „Selig 
keit" zu jener „Glückseligkeit"? Ist der Aus 
druck „selig" die präcise Antwort auf jene Frage?) 
Fr. 6. Wessen Wohlfahrt ist gemeint, — die meint ge, 
oder auch die anderer Menschen, — vielleicht 
aller Menschen? 
0 (Glückseligkeit). Der Wunsch nach Wohlsein, nach Glückseligkeit liegt in 
der menschlichen Natur. Das ist eine unzweifelhafte Thatsache. Dieses Wün 
schen ist gleichbedeutend mit dem Wunsche, zu leben. Denn weil der Mensch 
lebt, so will er leben, will ganz und voll leben, also ohne Druck und 
Verkümmerung: mit einem Wort: er begehrt den Vollgenuß des Lebens, die 
Glückseligkeit. Damit soll ausgeschlossen sein: jede Art von Beschränkung, Un 
freiheit, Druck, Beeinträchtigung, Schmerz, Betrübnis, Trauer; — und dagegen 
eingeschlossen: jede Art von Behagen, Genuß, Erhebung, Lust, Freude. 
Dabei ist jedoch nicht zu übersehen, daß es zwei Arten der Genüße giebt: 
leibliche (oder sinnliche) und geistige. Zu den leiblichen gehört alles, was 
das Wort »Gesundheit" einschließt und die speziellen Genüsse der niederen Sinne. 
Die geistigen Genüsse setzen irgend einen Grad von Geistesbildung voraus. 
Ist diese vorhanden, so entstehen auch geistige Bedürfnisse: und damit treten 
auch die Wissenschaften und Künste in die Reihe der Genußmittel ein. Die 
Weise des geistigen Genießens kann aber wieder recht verschieden sein. Der eine 
begehrt vielleicht nur leichte Unterhaltung, wie sie z. B- ein plauderndes Ge 
spräch, ein Roman bietet, oder das Reisen, das Betrachten einer schönen Land 
schaft, der Besuch von Konzerten und Museen; ein anderer giebt sich ernstem 
Studium hin, weil die Erweiterung des geistigen Gesichtskreises ihm Freude 
macht; ein dritter ist als Meister in künstlerischem Schaffen thätig: ein vierter 
als Meister in wissenschaftlicher Forschung.
	        

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