Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
handensein von Übelständen im Schulwesen an. Sie erstreben deren Beseitigung 
und besitzen dazu, wenigstens zum Teil, die nötigen materiellen Mittel. Die 
politischen Gemeinden weigern sich, den Anordnungen der Schulbehörden zu 
folgen, selbst dann, wenn ihnen umfassende Beihilfen vom Staate in Aussicht 
gestellt werden. Das Gesetz von 1887 macht es der Regierung unmöglich, die 
Gemeinden zu Verbesserungen zu zwingen. Eine Beseitigung dieses Gesetzes 
wird vergeblich gesucht. Damit ist die Ohnmacht der Schulverwaltung 
Reformen auf dem Schulgebiete herbeizuführen, besiegelt. Der Kultusminister 
selbst muß die Gefahr eines Stillstandes, ja Zerfalls unseres Volksschulwesens 
öffentlich als vorhanden anerkennen. 
So betrübend diese Sachlage für jeden ist, der ein Herz für unser Volk 
hat, so erklärlich ist sie für den aufmerksamen Beobachter unseres politischen Par 
teiwesens. Unsere Parteien sind eben einseitig nach politischen Gesichtspunkten 
gebildet und darum völlig ungeeignet, auf den verschiedensten Lebensgebieten 
guten Rat zu geben. Bei den Entscheidungen der Parteien spielt häufig das 
Parteiinteresse eine viel wichtigere Rolle, als das wirkliche Wohl des Vaterlandes. 
Auch hat bisher noch keine Partei dafür genügend Sorge getragen, daß Männer 
aus den verschiedensten Berufskreisen, besonders solche, die im praktischen Leben 
thätig sind, in ihr vertreten seien. Da endlich nicht alle Abgeordnete sich be 
mühen, ein eigenes Urteil über das zu gewinnen, was den verschiedenen Volks 
kreisen not thut, da sie infolgedeffen auch die Wichtigkeit der aus diesen Kreisen 
an sie ergehenden Wünsche nicht vorurteilslos gegeneinander abzuwägen vermögen, 
so wird ihre Abstimmung nichl so oft von Überlegungen bestimmt, die in der 
Sache, sondern mehr von solchen, die außer derselben liegen. Am schlimmsten 
fährt dabei die Schule, deren Interessen so gut wie gar nicht vertreten sind. 
Es ist ja auch bei der Wahl eines Landtagsabgeordneten nicht die geringste Ge 
währ geboten, daß vielseitig gebildete Männer gewählt werden, die das Volks 
schulwesen kennen und Verständnis haben für das, was der Schule notthut. 
Zudem bringt es das bei den Landtagswahlen herrschende Dreiklassenwahlsystem 
mit sich, daß im Landtage die Interessen der besitzenden Klassen vorzugsweise 
vertreten werden, so daß Gesetzentwürfe, die von diesen Klassen Opfer und neue 
Leistungen fordern, sehr schwer durchzubringen sind. Jnteresienpolitik ist ja eine 
Sache, der sich die politischen Parteien gegenwärtig kaum noch schämen. Was 
nun die Stellung der einzelnen Parteien in Schulfragen anbelangt, so betonen 
zwar alle ihr Wohlwollen für Schule und Lehrer, aber das geschieht meist aus 
Wahlrücksichten und hat deshalb nicht viel zu bedeuten. Man kann getrost be 
haupten, daß keiner Partei die Schule recht am Herzen liegt. Wenn die Lehrer 
die liberale Partei zumeist unterstützen, weil sie meinen, sie habe das wärmste 
Herz für die Schule, weil sie am häufigsten und eifrigsten für sie redet, so ver 
gessen sie dabei, daß Worte nichts kosten, und daß eine in der Minorität be-
	        

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