Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 
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Was Freiligrath vom Dichter sagt, das gilt auch vom Lehrer: Auch er 
steht auf einer höheren Warte als aus der Zinne der Partei. Eben weil die 
Parteien nicht nur in Schulfragen, sondern auch in allen andern Dingen ein 
seitig urteilen, eben weil der Wahrheit bald diese, bald jene Partei am nächsten 
kommt, eben deshalb darf sich der Lehrer nicht einer einzelnen Partei in die 
Arme werfen, sondern er muß sich zur Besserung der Schulverhältnisse an alle 
Parteien wenden und im einzelnen Falle diejenige unterstützen, die seiner Über 
zeugung nach der Wahrheit am nächsten steht. Leider haben wir Lehrer das 
nicht immer gethan und sind daher keineswegs von aller Schuld an den herr 
schenden Zuständen freizusprechen. Jahrelang hat der Lehrerstand die Schriften 
einsichtsvoller Schulmänner, wie Dörpfeld und Ziller entweder nicht beachtet 
oder, wenn sie sich dennoch Beachtung erzwangen, aufs heftigste bekämpft, und 
zwar nicht zum wenigsten deswegen, weil diese Männer aus ihrem positiv-christ 
lichen Standpunkte kein Hehl machten und erklärte Feinde nicht eines vernünf 
tigen Fortschritts, wohl aber des herrschenden politischen und religiösen Radi 
kalismus waren. Ähnliches erfahren noch jetzt die wenigen Lehrerzeitungen, die 
nicht im radikalen Fahrwasser segeln und deshalb von den gegnerischen Lehrer 
zeitungen auf jede mögliche Weise angegriffen werden. Und doch liegt es im 
Interesse unserer Sache, daß sie von verschiedenen Standpunkten aus vertreten 
werde. Stehen doch hauptsächlich deshalb die konservativen Parteien so manchen 
unserer berechtigtsten Forderungen teilnahmlos gegenüber, weil es an Organen 
gefehlt hat, die sie ihnen hätten nahe legen können. So lange die verschiedenen 
politischen Parteien noch vorhanden sind, müssen auch Lehrerzeitungen der ver 
schiedensten Parteirichtungen existieren, von denen natürlich keine vergessen dürfte, 
den Überzeugungen des Gegners Berechtigung zuzugestehen. Auch die pädagogischen 
Ideale des Lehrers sind leicht der Gefahr einer Verunreinigung ausgesetzt, wenn 
er nicht über den Parteien steht, weil dann sein Urteil über Schulfragen nicht 
so wohl von objektiven, pädagogischen Erwägungen, als vielmehr von parteipoli 
tischen Vorurteilen beeinflußt wird. Zum Beweis dafür sei an die Simultan 
schule und an die allgemeine Volksschule erinnert. Gegen beide sprechen zahlreiche 
pädagogische Bedenken, über die derjenige gewöhnlich leicht hinweg geht, der im 
Banne der liberalen Parteien befangen ist. Anstatt uns einer Partei in die 
Arme zu werfen, sollten wir uns mehr als bisher bemühen, den Namen christ 
licher Lehrer zu verdienen. Dazu gehört vor allem, daß wir die Schuld an den 
herrschenden Schulzuständen in erster Linie in uns selbst und nicht in anderen 
Faktoren suchen. Sorgfältig sollten wir alle Vorwürfe, die man unserm Stande 
macht, auf ihre Berechtigung hin prüfen, so schwer uns das auch werden mag. 
Nicht aber sollten wir sie, wie es so häufig geschieht, ohne weiteres zurückweisen 
oder aus feindseliger Gesinnung gegen uns zu erklären suchen. Wirklich unbe 
rechtigte Vorwürfe aber müßten wir entweder mit Schweigen übergehen oder sie
	        

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