Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
in eben so gründlicher, als würdiger Weise widerlegen. Die bissigen Entgeg 
nungen gewisser Lehrerzeitungen, die man den Äußerungen irgend einer obskuren 
Persönlichkeit nachzuschicken pflegt, erbittern die Leser ohne Not, steigern bei häu 
figer Wiederholung die Empfindlichkeit derselben und täuschen sie über die Ge 
sinnungen, die man dem Lehrerstande entgegenbringt. Überhaupt verstehen es 
manche unserer Lehrerzeitungen vortrefflich, uns Feinde, aber recht schlecht, uns 
Freunde zu gewinnen. Ferner sollten wir uns als christliche Lehrer recht oft 
fragen, ob wir das wirklich sind, wozu wir unsere Schüler erziehen zu wollen 
vorgeben. Haben wir es nicht oft an der Opferwilligkeit, Dienstsertigkeit, Be 
scheidenheit und Demut fehlen lassen? Stand uns nicht oft äußere Ehre höher 
als das Interesse der Schule? Gerade in den Gegenden, wo man mit dem 
Hauptlehreramte den Anfang gemacht hat, die Wünsche der Lehrer nach fach 
männischer Schulaufsicht zu erfüllen, bietet sich treffliche Gelegenheit zu beobachten, 
wie sehr der Lehrerstand seinen eigenen Interessen entgegenwirkt. Zahlreiche 
Hauptlehrer und Rektoren scheinen nichts davon zu wissen, daß der Vornehmste 
unter uns aller Diener sein muß. Umgekehrt suchen dann viele Klassenlehrer 
ihren Ruhm darin, ihre Vorgesetzten herunterzusetzen und zu ärgern. Und solche 
Dinge bleiben natürlich nicht verborgen und liefern den Gegnern treffliche 
Waffen wider uns in die Hand. Wer soll denn auch für fachmännische Leitung 
des Volksschulwesens eintreten, wenn die Leiter nicht zu leiten, die Untergebenen 
sich nicht dem Ganzen unterzuordnen verstehen? Auch mit den Leistungen in un 
serem Berufe verhält es sich so, daß nicht allein die traurigen Zustände, sondern 
auch wir selbst Schuld tragen an dem geringen Erfolge unserer Arbeit. Viele 
von uns finden sich zu schnell mit den Übelständen ab. Vor allen Dingen 
bringen sie dieselben nicht oft und nachdrücklich genug zur Sprache. Giebt es 
doch leider so viele unter uns, die nichts thun, als die Faust in der Tasche 
ballen oder, wenns hoch kommt, auf einer großen Lehrerversammlung dem Redner 
Beifall klatschen, der das, was sie drückt, einer „vernichtenden" Kritik unterzieht. 
Aber ernst und mutig die Wahrheit zwar besonnen aber doch vollständig und 
deutlich überall zu sagen, wo es not thut, das ist ihnen zu gefährlich. Ferner 
stimmen sie zwar zu, wenn behauptet wird, der Unterricht sei eine Kunst, aber 
sie selbst streben in ihrem Thun keineswegs nach künstlerischen Leistungen, sondern 
begnügen sich mit handwerksmäßigen Mitteln. Die Kunst aber verdirbt durch 
die Künstler und sie hebt sich nur mit den Künstlern. Daß leider unter uns 
Lehrern so wenige sind, die nach wirklich kunstvollen Leistungen streben, ver 
schuldet es hauptsächlich, daß man in vielen Kreisen so niedrig von der Lehrer 
arbeit denkt. Durch eifrige Beförderung des Lehrermangels aber hat das unser 
Stand selbst verschuldet. Wenn man offen den „Schulstreik" predigt, wie Stoy 
diese künstliche Beförderung des Lehrermangels nannte, wenn man alle ohne Aus 
nahme, auch die tüchtigsten Knaben, vom Lehrerberufe abzuhalten sucht, woher
	        

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