Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 
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sollen dann die Kämpfer für die heilige Sache des erziehenden Unterrichts 
kommen. Denn da die Reihen voll werden müssen, so füllt man sie nun mit 
Mietlingen und Überläufern, und nach dem Berhalten dieser Leute beurteilt dann 
der oberflächliche Beobachter den ganzen Stand. Mag der Lehrermangel uns 
wirklich hier und da einen kleinen Vorteil gebracht haben, so wiegt dieser doch 
bei weitem nicht den Schaden auf, den er unserem Schulwesen gebracht hat. Er 
hat vielfach die erste Veranlassung zur Einrichtung von Halbtags- und Zwei- 
drittelschulen gegeben, die man jetzt als pekuniär vorteilhafte Schulformen bei 
behalten hat. 
Einschneidender noch als das Verhallen des Lehrerstandes sind jedoch auf 
dem Schulgebiete die Wirkungen der sozialen Verhältnisse. Die Zunahme der 
unbemittelten Arbeiter und die Abnahme der Zahl der Besitzenden bedingen 
einerseits ein Wachstum der von den Kindern der besitzlosen Klassen besuchten 
Schulen, andrerseits die Unlust oder Unfähigkeit der politischen Gemeinden, für 
diese Schulen zu sorgen. Aus verschiedenen Gründen sind diese Unbemittelten 
gewöhnlich ebenso kinderreich als unfähig, etwas für Schulen zu leisten. Wo sie 
daher vorherrschend oder ausschließlich vertreten ist, leidet die Schule Mangel am 
Nötigsten. Die Schulen füllen sich zwar mit Kindern, aber an den Bau neuer 
Schulen und an Anstellung neuer Lehrer ist nicht zu denken. Neben dem Ar 
beiter ist auch der wenig begüterte Mittelstand, Kleinbauern, Handwerker, Be 
amte, in ziemlich gedrückter Lage. Er kämpft vielfach den Verzweiflungskampf 
um seine Existenz und ist zu Leistungen zwar williger, aber kaum fähiger als 
der Stand der besitzlosen Arbeiter. Die reich begüterten Glieder der übrigen 
Stände dagegen mögen ihrerseits auch nicht die gesamten Schullasten der andern 
Stände tragen. Zudem hegen manche der großen Kapitalisten, Grundbesitzer, 
Kaufleute und Fabrikbesitzer die Meinung, es sei gefährlich, wenn das „Volk" 
zu klug würde. Zwar „die Religion" müsse ihm erhalten bleiben, auch Lesen, 
Schreiben, Rechnen sei notwendig, aber mehr als dies sei vom Übel. Solche 
Anschauungen*) sind natürlich nicht geeignet, Opferfreudigkeit für das niedere 
Schulwesen zu erwecken. Dazu kommt das bei großem Besitz nur zu leicht ein 
tretende Streben nach immer weiterer Ausdehnung desselben. Diesem Streben 
ist jede Erhöhung der Lasten hinderlich. Dazu kommt, wie schon erwähnt, daß 
die Kinder der reichen Besitzer die niederen Volksschulen nicht besuchen. So ist 
die Schule in der kritischen Lage, daß die wenigen reichen Besitzer für 
sie nur zu oft nichts thun wollen, die kleineren Besitzer und die 
Besitzlosen wenig odernichts leisten können, dabei aber die Fre- 
*) Der Oberamtmann H. zu Gr. gab ihnen einmal folgenden drastischen Ausdruck: 
„Wenn mein Ochsenknecht ein bißchen mehr kann als der Leitochse, so bin ich voll 
ständig zufrieden!" 
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