Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Die geheimen Fesseln der Theologie. 
173 
Anspruch, daß man sich für berufen halte, an ihm Gericht zu üben, 
während die christliche Mission sich doch lediglich legitimieren kann 
durch Mitleid und Barmherzigkeit und wiederum nicht ostentativ, 
sondern in wirklicher Demut. Zum Beleg verweise ich nur auf das 
Beispiel und die Worte des Herrn Jesu .... (Vgl. S. 61 ff., 
123, 161.) 
Auch ich bin seit länger als 30 Jahren mit einer größeren apo 
logetischen Schrift beschäftigt. Dieselbe hat jedoch nicht einen un 
mittelbar praktischen Zweck wie deine Versuche, sondern trägt 
mehr einen wissenschaftlichen Charakter. Leider rückt die Arbeit 
nur langsam fort, weil mir immer Notarbeiten anderer Art über den 
Hals kommen. Es sind etwa 600 Quartseilen fertig und dies ist 
noch lange nicht die Hälfte. Was mich zu dieser Arbeit getrieben 
hat, das ist auch der Grund, warum ich im Schulblatte seit langem 
nichts mehr über religiöse Dinge geschrieben habe. Ich hatte gemerkt, 
es müßte erst etwas aus dem Wege geräumt werden, wenn meine 
Stimme bei den Gegnern wie auf befreundeter Seite richtig ver 
standen^ werden sollte. Die Glaubenshindernisse liegen an ganz anderer 
Stelle, als die landläufige Theologie (die orthodoxe und die libera- 
listische) meint. Hier muß erst eine Aufräumungs- und Aufklärungs 
arbeit geschehen. Zu diesem Aufräumen bezüglich der positiven 
Theologie gehört auch der Nachweis, daß dieselbe von Spener 
gerade das Wesentlichste nicht gelernt hat und eben dadurch zum 
Abfall der Gebildeten von der Kirche, der gleich nachher begann, 
wesentlich beigetragen hat. Weiter gehört dazu der Nachweis, daß 
die positive und die sog. moderne (liberale) Theologie beide an dem 
selben Grundübel leiden, nämlich in der Spinoza-Schelling-Hegelschen 
Metaphysik stecken — wenn auch zum Teil unwissentlich. Wie soll 
da einer dem andern den Star stechen können, wenn beide daran 
leiden? Um diese tragische Komik voll zu machen, kommt nun Ritschl 
und rät den Theologen, sich gar nicht um Metaphysik zu bekümmern. 
Gewiß, der einfache Christ braucht sich nicht darum zu bekümmern; 
aber wenn die wissenschaftliche Theologie diese Losung ausgiebt, so 
dankt sie als Wissenschaft ab und begeht obendrein eine Thorheit — 
wenn auch unwissentlich. *) Denn irgend e i n e Metaphysik hat jeder, 
der über religiöse oder naturkundliche Dinge wissenschaftlich denkt, 
selbst wenn er das Wort „Metaphysik" nie gehört hätte, — und 
’) Zu diesem Urteil bedarf es freilich der Erinnerung, daß Dörpfeld mit der 
Herbartschen Schule unter Metaphysik etwas anderes versteht als jene Philosophen 
und Theologengruppcn. D. H.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.