Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
diese naturwüchsige Metaphysik ist dann entweder wahr oder falsch, 
ein Trittes giebt es nicht. (Vgl. die Schrift: „Die spekulative 
Theologie Schleiermachers, Rich. Rothes und Jul. Müllers" von 
Kvnsistorialrat Thilo und die ähnliche Schrift über mehrere neuere 
Theologen beider Richtungen von O. Flügel.) Meine projektierte 
Schrift läßt sich übrigens auf die Metaphysik nicht ein; sie operiert 
lediglich mit Wahrheiten, die auch in der heil. Schrift bereits 
ausgemacht sind und von denen Thilo und Flügel gar nicht sprechen, 
die aber beide nicht leugnen werden, wenn ich den Finger darauf lege. 
Roch auf eins muß ich aufmerksam machen. Nach den vorstehenden 
Bemerkungen magst du oder einer deinesgleichen denken, meine An 
schauung sei auf dem Studierwege erworben. Allerdings habe ich 
studiert; allein ich möchte wissen, aus welchen Büchern ich sie hätte 
lernen können; ich kenne derartige Bücher nicht. Anregungen und 
Belehrungen habe ich da und dort empfangen; aber das Specifische 
meiner Auffassung ist in schwerer Lebensnot und Gewissensnot 
geboren — durch den, der allein Licht aus der Finsternis hervorrufen 
kann. Wenn mich etwas anderes zur Apologie triebe als Barmherzig 
keit und Mitleid mit den irrenden Brüdern, so wäre ich noch weniger 
als ein tönendes Erz und eine klingende Schelle — nämlich ein 
hochmütiger Pharisäer, dessen Urteil Matth, am 23. steht. 
Mich hat sehnlichst verlangt, im Schulblatt wieder von meinem 
liebsten Wissen, van der „Seele Trost", reden zu können 
Wann und vb mein Wunsch und Verlangen in Erfüllung gehen wird, 
steht in Gottes Hand. Ich muß stille halten. 
Wenn einmal mein Buch fertig wird (in seiner ersten Hälfte), dann 
wird dir auch verständlich werden, warum ich zu Herbart halte — 
was dir und Freund H . . . . so unsympathisch ist — obwohl die 
meisten Herbartianer meine biblisch-christliche Glaubensüberzeugung nicht 
teilen, woran Herbart aber sehr unschuldig ist Könnten wir 
mündlich über diese Differenz verhandeln, so würden wir mutmaßlich 
schnell zurecht kommen. An einem Gymnasiallehrer und 
Theologen *) eurer Ansicht, der mich einst in Gerresheim um derselben 
Differenz willen besuchte, habe ich die Probe gehabt. Mehrere 
Stunden lang hielt ich ihn absichtlich an andern theologischen Fragen 
fest, die ihn zwar lebhaft interessierten, wobei mir aber nur zu deut 
lich merkbar war, daß es ihm unter den Füßen brannte, seine mir 
brieflich angesagte Herzensfrage zur Sprache zu bringen. Ich that 
so, um ihn zuvor mit meiner bibl. Anschauungsweise vertrauter zu 
i) Derselbe ist jetzt Professor der Theologie. D. H.
	        

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