Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
zu machen versuchen, ob und inwieweit ihm überhaupt Mittel und Wege zu 
Gebote stehen, durch die er auf die häusliche Erziehung der Schüler Einfluß ge 
winnen kann. 
Bei der häuslichen Erziehung kommen einerseits die Eltern, andrerseits 
ihre Kinder in Betracht; jene bilden den aktiven, diese den passiven Teil; jene 
sind das erziehende Subjekt, diese das zu erziehende Objekt. Soll demnach eine 
Beeinflussung der Familienerziehung seitens des Lehrers erfolgen, so kann sich 
dieselbe entweder auf die Eltern oder auf ihre Kinder erstrecken; sie kann einer 
seits darin bestehen, erstere anzuspornen, zu belehren u. s. w., andrerseits letztere 
für die Einwirkung der Eltern empfänglich und zugänglich zu machen. Natürlich 
ist der zuletzt angedeutete Weg für den Lehrer der naheliegendere und einfachere; 
bringt ihn doch sein Amt Tag für Tag mit seinen Schülern in Berührung, 
sind diese doch jahrelang seiner direkten Beeinflussung ausgesetzt. — Es empfiehlt 
sich daher für die Bearbeitung unseres Themas, die Frage desselben zunächst be 
stimmter zu fassen und enger zu begrenzen. Sie lautet diesmal: „Inwieweit 
kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Schüler durch seine Schul 
arbeit beeinflussen?" 
Um hierauf eine allseitige Antwort geben zu können, ist ein flüchtiger Blick 
in den Schulbetrieb unerläßlich. 
Die Schule bezweckt.nach Herbart, das Wollen des Kindes in Einklang 
zu bringen mit seiner Einsicht, welche ihrerseits wieder von den fünf sittlichen 
Ideen beherrscht sein muß. „Da nun beide — Einsicht' und Wollen — auf 
Vorstellungen sich gründen, hat der Lehrer zunächst in dem Schüler einen Vor- 
stellungs- oder Gedankenkreis zu konstruieren; sodann muß er das Wollen des 
selben in die der sittlichen Einsicht entsprechende Bahn lenken. Ersteres sucht er 
durch den Unterricht, letzteres durch die Zucht zu erreichen. Weil nun aber 
der Schüler sich nicht ohne weiteres dem Unterricht und der Zucht des Lehrers 
widmet, „vielmehr aus seinem derzeitigen Vorstellungskreise oft Begehrungen her 
vorgehen, etwas zu thun, sei es auch nur zu sprechen, Begehrungen, die 
ursprünglich an sich nicht verwerflich sind, die aber zu der Arbeit nicht passen, 
die den ordnungsmäßigen Verlauf der Arbeit stören und hindern, weil ferner der 
Zögling noch nicht einer vernünftigen Überlegung und der Einsicht in die Not 
wendigkeit eines solchen geordneten Zustandes fähig ist,"*) sucht der Lehrer durch 
entsprechende Maßnahmen den gewünschten Zustand des Schülers herzustellen oder 
zu erhalten. Dieses dritte Erziehungsmittel heißt nach Herbart die „Re 
gierung." 
Wie beeinflußt nun der Lehrer durch jedes der drei Erziehungsmittel die 
häusliche Erziehung seiner Schüler? 
') Ziller, Allgemeine Pädagogik.
	        

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