Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

178 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
viele Kinder verhängnisvoll werden können? Gar leicht werden die Armen, die 
thatsächlich unter der unverdienten Härte ihrer Pflegeelteru zu leiden haben — 
diese Fälle liegen auch heutzutage noch vor — dadurch erst sich ihrers Jammers 
bewußt und doppelt unglücklich; während andere beginnen, die wohlgemeinte und 
notwendige straffe Zucht der Stiefeltern von vornherein als lieblose Behandlung 
anzusehen. — Auch möchte aus dem angedeuteten Grunde die in Lesebüchern 
und Schulen so oft übliche Ausführlichkeit in der Betrachtung der Jugendzeit 
Friedrichs des Großen nicht ganz berechtigt sein. Mit wahrem Wohlbehagen 
müht man sich vielfach damit ab. den Vater nur als den grausamen Barbaren zu 
schildern, der für alles Edle und Schöne keinen Sinn, für die glänzenden Gaben 
seines Sohnes kein Verständnis hat; wohingegen der Sohn meist als der be 
klagenswerte Märtyrer, das verkannte und unterdrückte Talent und gar zu oft 
auch als der jugendliche Held erscheint, dessen Selbständigkeit und Unbeugsamkeit 
imponieren. — Bei diesen und ähnlichen Stoffen sei der Lehrer auf der Hut; 
besonders laste er es nicht an Beispielen fehlen, die die Liebe und Fürsorglichkeit 
auch der Stiefeltern beweisen. Dazu dürfte auch ein gelegentlicher Hinweis dar 
auf angebracht sein, daß wie alle Menschen auch die Eltern einmal irren können 
oft gerade dann, wenn sie es am besten mit ihren Kindern meinen. 
Aber noch in anderer Weise kann der Lehrer durch seinen Unterricht die 
elterliche Autorität schützen. — Ein Beispiel möge es zeigen. 
Es wird die Geschichte Elis und seiner Söhne behandelt. Dabei treten 
vier verschiedene aber innig verknüpfte Vorstellungskomplexe in das Bewußtsein 
des Schülers: 
1. „Was die Söhne thaten dem ganzen Israel;" (1. Sam. 2, 22.) 
2. „Der schwache Vater wußte, wie seine Söhne sich schändlich hielten, und 
er hat nicht einmal sauer dazu gesehen;" (1. Sam. 3, 13.) 
3. Das Urteil Gottes: „Ich will erwecken über Eli, was ich wider sein 
Haus geredet habe;" (1. Sam. 3, 12.) 
4. „Das schreckliche Gericht;" (1. Sam. 4, 17—18.) 
Der Vater geht mit seinen Kindern unter, weil er es an einer straffen 
Erziehung mangeln ließ: dies tritt den Schülern als das Wesentliche der Er 
zählung besonders lebhaft vor die Augen. Sie erkennen, mit welchem furchtbaren 
Ernst Gott die Eltern für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich macht. 
Was anders folgt daraus, als daß sie ein Verständnis für die erziehlichen Maß 
nahmen der Eltern sowie ihre Strenge in Bezug auf die Beobachtung derselben 
bekommen? Diese Einsicht zu pflegen, sollte sich der Lehrer in seinem Unterricht 
recht ernstlich angelegen sein lassen. Er weise an passender Stelle auf den 
Schmerz Rebekkas hin, die ihren Liebling auf Nimmerwiedersehen ziehen lassen 
muß, nachdem sie ihn zu hartnäckiger Lüge verführt. Er mache sie mit dem 
göttlichen Befehl bekannt: „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, son-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.