Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 179 
dern ziehet sie auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn." Er zeige, wie 
Gott den Abraham deshalb seiner Freundschaft würdigte, weil er wußte, daß 
dieser „seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen werde, daß sie des 
Herrn Wege halten, und thun, was recht und gut ist," und daß der Herr 
gerade deshalb habe „auf Abraham kommen lassen, was er ihm verheißen." 
(I. Mos. 18, 19.) 
So bietet also der Unterricht überhaupt und der Religionsunterricht im be 
sondern dadurch, daß er die Eltern als die von Gott gewollte höchste irdische 
Autorität und den ersten Gegenstand der Ehrfurcht den Kindern bezeichnet, ein 
treffliches Mittel, letztere für die erziehliche Einwirkung der Eltern willig und 
empfänglich zu machen. 
In gleichem Maße, wenn nicht noch mehr, als die Anerkennung der 
elterlichen Autorität, ermuntert die kindliche Liebe zur Unterwerfung 
unter den Willen der Eltern. Gelingt es daher dem Lehrer, wahre Kindesliebe 
in den Herzen seiner Schüler durch den Unterricht zu wecken oder zu pflegen, so 
beeinflußt er auch dadurch die häusliche Erziehung. Selbstverständlich reichen dazu 
abstrakte Mahnungen und Belehrungen nicht hin, ist doch die Anschauung das 
„absolute Fundament" ebenso sehr des Gefühls als der Erkenntnis, entzündet 
sich doch erst Liebe an Liebe, denn „wie das Vorherlaufen der Definitionen vor 
der Anschauung die Menschen allgemein zu anmaßlichen Maulbrauchern macht, 
ebenso führt das Vorherlaufen der wörtlichen Lehre von der Tugend und vom 
Glauben vor der Wirklichkeit der lebendigen Anschauungen der Tugenden und 
des Glaubens .... zu ähnlichen Verirrungen hin." (Pestalozzi) Der Lehrer 
wird deshalb sein Augenmerk zunächst darauf richten, ob sich in seinem Unterricht 
passende Gelegenheit bietet, die Liebe der Eltern gegen ihre Kinder den Schülern 
vor die Augen zu malen, damit es auch bei ihnen wahr werde: „Liebe erweckt 
Gegenliebe." 
Schon der allererste Religionsunterricht kann, wenn er rechter Art ist, dazu 
dienen. Derselbe hat nämlich, um eine gute Apperception zu ermöglichen, an das 
dem Kinde aus dem Gebiete des „Religiös-Sittlichen" bereits Bekannte anzu 
knüpfen: Die Liebe zu den Eltern muß zur Gottesliebe, die Liebe zu den Ge 
schwistern zur allgemeinen Menschen- oder Nächstenliebe entwickelt werden. In 
diesem Sinne ist auch wohl Herbarts Wort zu verstehen: „Dem Kinde sei die 
Familie das Symbol der Weltordnung; von den Eltern nehme man idealisierend 
die Eigenschaften der Gottheit," und Pestalozzi äußert dasselbe: „Das sehe ich 
bald, die Gefühle der Liebe, des Vertrauens, des Denkens müssen in mir ent 
wickelt sein, ehe ich sie auf Gott anwenden kann. Diese Gefühle gehen von dem 
Verhältnis aus, das zwischen dem unmündigen Kinde und seiner Mutter statt 
hat." Demnach muß also der Religionsunterricht mit einer Besprechung der 
Familie anheben. Der Lehrer zeigt den Kleinen, wie die Eltern sie in allen
	        

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