Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

18 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
und denken wir dabei etwa an unsere heutigen Predigten oder Parlamentsreden 
oder Schriften in Gesprächsform oder Briefe oder Tagesbroschüren oder Zeit 
gedichte rc. Da der Autor bestimmte Hörer oder Leser in bestimmter Lage, also 
besondere Bedürfnisse ins Auge zu fassen hat, so darf er sich nicht darauf ein 
lassen über den betreffenden Gegenstand alles zu sagen, was darüber gesagt werden 
könnte, weil dann möglicherweise bereits Bekanntes vorgebracht und Langeweile er 
zeugt werden würde; vielmehr wird es gelten, das und nur das zur Sprache zu 
bringen, wonach diese Hörer- oder Leserschaft fragt, was sie noch nicht weiß oder 
nicht recht weiß. Und weiter: damit das, was jetzt gewiesen werden soll, nun 
auch wirklich gesehen, verstanden und zu Herzen genommen werde, — können 
dann schulgerechte Definitionen, die kein Wort zu viel und zu wenig enthalten, 
am Platze sein? oder umständliche wissenschaftliche Einteilungen und Erläuterungen, 
oder ellenlange Kettenschlüsse und dergleichen schwerfällige logische Formen? Gewiß 
nicht; alles, was nach Katheder und Studierzimmer riecht, ist vielmehr sorgfältig 
fernzuhalten und dagegen eine solche Redeweise zu wählen, welche die Fragepunkte 
lebendig, deutlich, scharf, vielleicht sogar sehr zugespitzt hervorhebt, kurz, die den 
Nagel auf den Kopf trifft und darum sich auch nicht scheut, zuweilen stutzig 
machende Bergleiche, Paradoxien, Hyperbeln und dgl. zu Hülfe zu nehmen. 
Sieht man darauf hin die biblischen Schriften an, so stndet sich, daß sie 
diese Merkmale der wahrhaft praktischen Darstellungsweise in hohem Maße an 
sich tragen. Achten wir vorab auf das unbesorgte Kürzen des Ausdrucks, wo es 
sich darum handelt, die Hauptsache hervorzuheben und in gerader Linie auf das 
Ziel loszugehen. So sagt der Dekalog z. B. rundweg: „Du sollst am Sonntag 
kein Werk thun" und überläßt es dann dem Hörer selber zu überlegen, ob es 
nicht auch Werke der Not und der Liebe gebe, die sowohl am Ruhetage wie am 
Werktage löblich sind; oder im sechsten (fünften) Gebot wieder kurz: du sollst 
nicht töten, unbekümmert darum, ob dereinst Mennoniten und Quäker die nötigen 
Ergänzungen nicht zu finden wissen. Um das, was die Idee der Vergeltung in 
ihrer Anwendung auf das Strafrecht fordert, geradlinig hier zu zeichnen, sagt das 
mosaische Gesetz knapp und plastisch: „Auge um Auge, Zahn um Zahn," un 
bekümmert darum, ob dereinst gewisse Kritiker daraus beweisen zu können glauben, 
Moses habe nur eine sehr unvollkommene und rohe Ethik gekannt. 
Werfen wir jetzt auch noch einen Blick darauf, wie die biblischen Schrift 
steller es angreifen und was sie sich dabei erlauben, um die praktischen Frage 
punkte möglichst deutlich, möglichst scharf, und möglichst nachdrücklich hervorzuheben. 
Die auffallendsten Beispiele finden sich gerade in den Reden Jesu. So heißt es 
z. B. „ärgert dich dein Auge, so reiß es aus, ärgert dich deine Hand, so haue 
sie ab" oder „nimmt dir jemand den Rock, so überlaß ihm auch den Mantel," 
oder „verkaufe alles, was du hast, und gieb es den Armen, so" rc. oder „es ist 
leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.