Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 181 
Beweggrund, sich der Erziehung seitens der Eltern willig zu fügen, dem Schüler 
tief eingeprägt; sind doch das Bewußtsein von der elterlichen Autorität sowie die 
innige Liebe die mächtigsten Motive des kindlichen Gehorsams, ähnlich, wie der 
Gehorsam gegen Gott nach Luthers Erklärung der zehn Gebote nur möglich ist, 
wenn wir ihn ,,fürchten und lieben". Pflegt also der Unterricht in den Schülern 
heilige Ehrfurcht und herzliche Liebe zu Vater und Mutter, so beeinflußt dadurch 
der Lehrer die häusliche Erziehung. 
Kann dies aber auch durch das zweite Erziehungsmittel der Schule, die 
Zucht, geschehen? — 
Während der Unterricht mittelbar der Willensbildung dient, geschieht dies 
in unmittelbarer Weise durch die Zucht. Weil nun auch die Familienerziehung 
in letzterer Hinsicht wirksam ist, arbeiten zwei verschiedene Kräfte direkt an der 
Lenkung und Stärkung des kindlichen Wollens. Ist nun diese Einwirkung eine 
einheitliche, so daß sich der Wille des Kindes in derselben Richtung angetrieben 
fühlt, so muß dadurch die Willensbildung besser gelingen, als wenn dieselbe nur 
von einem der beiden Faktoren betrieben wird oder gar beide diametral entgegen 
gesetzt wirken. So sehr also der Lehrer durch seine Schulzucht die religiös-sittliche 
Bildung seiner Schüler fördert, wird dies der entsprechenden Thätigkeit der Eltern 
zu gute kommen. Denn gerade wie im Gebiete der Mechanik gilt auch hier das 
Gesetz: „Wenn zwei Kräfte einen Körper in derselben Richtung bewegen, ent 
spricht das Resultat der Summe der beiden." Je mehr der Lehrer die einzelnen 
Tugenden in seinen Schülern pflegt, desto einflußreicher wird in dieser Beziehung 
auch die häusliche Erziehung sein; und wiederum: je weniger die Schule den 
Willen stählt, mit desto geringerem Erfolg wird auch das Haus die Willens 
bildung betreiben. — Will demnach der Lehrer mit allen ihm zu Gebote stehenden 
Mitteln die häusliche Erziehung beeinflussen, so darf er sich nicht mit den ent 
sprechenden Leistungen seines Unterrichts begnügen, sondern er muß auch durch 
eine gute Schulzucht den Eltern unter die Arme greifen und ihnen in die Hand 
arbeiten. 
Wie steht es nun um eine diesbezügliche Hilfeleistung seitens der Re 
gierung der Schule? 
Die Schule will den Zögling dazu bestimmen, sich in all seinem Thun der 
sittlichen Einsicht zu unterwerfen. Das wirksamste Mittel dafür ist die Ge 
wöhnung. Durch die Regierung hat aber der Lehrer in dem Schüler solche Ge 
wohnheiten zu pflegen, die mit der sittlichen Einsicht direkt nichts zu thun haben. 
Ziller nennt sie „unbewußte Gewöhnungen" oder „mittelbare Tugenden." Hierzu 
gehören Reinlichkeit, Schamhaftigkeit, Bescheidenheit u. s. w., lauter Dinge, die 
auch die Familienerziehung zu pflegen hat; dafür, daß dieselbe darin durch die 
Regierung der Schule vorteilhaft beeinflußt werden kann, sprechen dieselben 
Gründe, welche im vorigen Abschnitt den Einfluß der Schulzucht auf die häus-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.