Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinfluffen? 183 
mir demselben gewonnenen Erfahrungen zufrieden geben, so wird er oft erleben 
müssen, daß dieser sich ihm entweder ganz oder teilweise verschließt oder anders 
giebt als er ist. — Aber auch für den Fall, daß der Lehrer über die Natur 
seines Schülers vollständig aufgeklärt ist, bedarf es seiner Hausbesuche. Ist es 
ihm nämlich ernstlich darum zu thun, die Erfolge seiner Schularbeit zu sichern, 
so muß er den Gefahren zu begegnen suchen, die jenen durch den Umgang des 
Schülers drohen. Weil nun einerseits die Kinder den regsten Verkehr mit ihrer 
Familie pflegen, andrerseits zur Abwehr einer Gefahr genaue Kenntnis derselben 
erforderlich ist. wird der Lehrer die häuslichen Besuche nicht umgehen können. 
Sehr wahr ist darum auch Gräfes Ausspruch: „Wenn manche Lehrer wüßten, 
wie sie sich durch freundliche Rücksprache mit den Eltern ihren Beruf erleichtern 
und ihre Lehrerwirksamkeil erhöhen könnten, so würden sie gewiß weder aus 
Scheu vor der kleinen Mühe, noch aus Dünkel, noch aus falschen Ansichten ihrer 
amtlichen Stellung es versäumen, dazu selbst Veranlassungen herbeizuführen." — 
Darum sollte der Lehrer beim Antritt einer neuen Stelle so bald als möglich 
die Eltern der Reihe nach besuchen, schon deshalb, damit man sich beiderseits 
vorab wenigstens von Angesicht zu Angesicht kennen lerne. Ist dann der Ver 
kehrsfaden in ganz ungesuchter Weise angeknüpft, so gilt es nun, die Besuche in 
Zukunft gleichsam als Wiederholung des früher angeknüpften freundschaftlichen 
Verkehrs fortzusetzen, wobei dann der Lehrer die Beeinflussung der häuslichen 
Erziehung durch Anspornung, Belehrung u. s. w. im Auge haben muß. 
Hierzu öffnete ihm nun die frühere Art der Lehrerwahl viel leichter bei 
den Eltern Thür, Ohr und Herz, insofern er der Mann ihrer Wahl, ihres 
Vertrauens war, während heutzutage ein aus wenigen Personen zusammengesetzter 
Schulvorstand einer großen Gemeinde oder einem umfangreichen Schulbezirk den 
Lehrer bestimmt, der dann als Fremdling kommt und ihr Vertrauen sich erst er 
werben muß. Soll ihm das nun durch seine Hausbesuche gelingen, so bedarf es 
bei der Ausführung derselben seinerseits der größten W eis heit. — Diese muß 
sich zunächst darin zeigen, daß er nie zu sehr den Lehrer hervorkehrt. Mag er 
für seine Person derartige Besuche immerhin als Pflichts- und Amtsgänge an 
sehen, nämlich in seinem Gewissen, so darf er doch nie mit einem „Amtsgesichte" 
erscheinen, als einer, der von oben herab die Leute belehren will. Vielmehr 
komme er schlichtweg als teilnehmender Hausfreund, wozu namentlich traurige 
und freudige Familienereignisse Veranlassung bieten können. Dann merken die 
Eltern auch bald, daß die Liebe ihn treibt, wenn er sie gelegentlich betreffs der 
Erziehung ihrer Kinder ermahnt und belehrt. Ferner hüte er sich, immer nur 
die Rolle des Antreibenden und Belehrenden zu spielen; auch zeige er, daß es 
ihm nicht weniger darum zu thun ist, auch sich selbst über die Kinder belehren 
zu lassen. Vor allen Dingen versäume er nicht, auch das kleinste Interesse und 
geringste Verständnis der Eltern für die Kindererziehung anzuerkennen; ein kurzes
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.