Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 185 
ausschließlich als eine Verletzung der häuslichen Ehre, die nur Sühne ver 
langt, während diese vielfach mehr den Schaden des Kindes ins Auge faßt, 
der zur Abstellung besondere Sorgfalt beansprucht. Ebenso wird sich der Lehrer 
wenigstens vorab nur an die Mutter wenden, handelt es sich um Dinge, auf die 
namentlich sie zu achten hat. Wollte er sich etwa beim Vater über die Un 
reinlichkeit der Kinder oder über die Unordnung ihrer Kleidung beklagen, dann 
machte er sich zunächst bei der Mutter verhaßt, sodann würde sich der Vater 
darüber ärgern, daß die häusliche Mißwirtschaft nicht mehr ein Geheimnis ist, 
und endlich möchte ein Familienzwist nicht ausgeschlossen sein. Daher frage sich 
der Lehrer bei seinen Besuchen: „Was geht den Vater an? Was die Mutter? 
Was beide?" Führt er so die Hausbesuche, zu denen er sich selbst verpflichtet, 
mit wahrem pädagogischem Takte aus, dann werden sie ihm ein nicht zu über 
treffendes Mittel, die häusliche Erziehung seiner Schüler zu beeinflussen. 
Hat der Lehrer in der angedeuteten Weise den Verkehr mit dem Eltern 
hause angeknüpft und unterhalten, ist dasselbe infolgedessen von seinem Interesse 
für alle Familienfreuden und -leiden überzeugt, so wird man denselben ab und 
zu auch bei Festlichkeiten in der Familie nicht vermissen wollen. Dadurch findet 
dieser dann Gelegenheit, in einen Kreis von Vätern und Müttern eingeführt zu 
werden. Sollte er in diesem Falle nicht etwas im Sinne unseres Themas 
unternehmen können? Es wäre doch gar zu schade, gerade jetzt, wo so manches 
Elternpaar gegenwärtig ist, vielleicht manches, das sonst nicht „zu haben" ist, 
mit einem passenden Worte der Ermahnung oder der Belehrung hinter dem 
Berge halten zu müssen. Aber es ist „Vaters Geburtstag", in seiner nächsten 
Umgebung bespricht man seine im letzten Jahre überstandene Krankheit, die kaum 
noch auf ein Geburtsfest rechnen ließ; und drüben disputiert man eifrig über 
eine neue Militärvorlage. Der Lehrer wird in die Debatte hineingezogen; an 
ein Wort über Kindererziehung ist jetzt nicht zu denken. Die Unterhaltung wird 
drüben immer lebhafter; da horcht auch der Vater auf. Aber für ihn, der kaum 
genesen, hat die Armee einstweilen nur dadurch Bedeutung, daß sein Ältester 
eine Zierde derselben ist und kürzlich „die Knöpfe bekommen hat." Dies gleich 
mitzuteilen, drängt den berechtigten Vaterstolz; und daß der Sohn diese Aus 
zeichnung verdient, da er doch immer so dienstfertig und pflichttreu war auch gegen 
Vater und Mutter, bestätigt das glückliche Mütterchen. Damit ist die Militär- 
vorlage unversehens „verabschiedet", die Herzen der Väter und Mütter sind jetzt 
bei ihren Kindern, das Gespräch dreht sich ausschließlich um diese. Wie? Sollte 
nun allein der Lehrer schweigen? 
So wird sich wohl oft die Unterhaltung eines kleinen Kreises auch einmal 
mit Erziehungsfragen beschäftigen; wenigstens sollte es der Lehrer zu veranlassen 
suchen. Dabei ist aber noch größere Weisheit geboten, als bei seinen häuslichen 
Besuchen. — Nie darf er in dieser Hinsicht aufdringlich erscheinen und „mit der 
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