Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Thür ins Haus fallen." Sind Erziehungsgespräche die ersten oder einzigen, an 
denen er teil nimmt, verrät er für andere Angelegenheiten von Wichtigkeit kein 
Interesse oder Verständnis, so wird man bald in ihm nur noch den bedauerns 
werten „Fachsimpler" erblicken. Recht lebhaft beteilige er sich darum an dem 
zufälligen Gespräch; nur achte er dabei aufmerksam auf einen geeigneten An 
knüpfungspunkt für seine Belehrungen, die sich dann ganz von selbst aus dem 
Gange des Gesprächs ergeben. Nicht zu lange bei diesen zu verweilen, muß er 
sodann berücksichtigen. Denn sobald die Unterhaltung anfängt, langweilig zu 
sein, ist sie auch fruchtlos. — Noch vor einem andern Fehler muß sich der Lehrer 
bei seinen pädagogischen Erörterungen im kleinen Kreise hüten. Er könnte es 
nämlich für passend und recht weise finden, erziehliche Mißstände, die sich be 
sonders in der Familie eines der anwesenden Elternpaare zeigen, die sich jedoch 
mit diesen allein nicht gut besprechen lassen, ganz allgemein zu behandeln, darauf 
rechnend, die betreffenden Eltern würden dieselben abstellen ohne zu ahnen, daß 
das Gespräch auch gerade für sie berechnet sei. Jedoch wenn irgendwo, so hat 
hier „das Schlagen auf den Sack. wobei man den Esel. meint" seine großen 
Bedenken. Gar leicht „merkt man die Absicht und wird verstimmt." Kommt 
dann noch dazu, daß die übrigen Personen fühlen, wem der Tadel gilt, dann 
sehen sich die Getroffenen vor der ganzen Gesellschaft bloßgestellt, und der Lehrer 
hat etwas verdorben, was er schwerlich wieder gut machen kann. Selbst dann, 
wenn von anderer Seite diese Situation unabsichtlich herbeigeführt wird, darf er 
nicht darauf eingehen; vielmehr muß er dann dem Gespräch eine andere Richtung 
zu geben suchen. 
Zeigte sich bisher die Weisheit des Lehrers bei seinen Belehrungen, Er 
mahnungen in der freundschaftlichen, schlichten Art seines Auftretens, in der sorg 
fältigen Berücksichtigung der Person, in der Wahl des geeignetsten Anknüpfungs 
punktes, sowie endlich in der richtigen Bemessung der Zeit, so muß sie auch die 
Form der Belehrung bestimmen. 
Höchst ungeschickt würde es sein, bei derartigen Unterredungen mit abstrakten 
Regeln und pädagogischen Vorträgen zu beginnen, als ob man in einer Lehrer 
konferenz ein Kapitel aus der Erziehungslehre behandle. Nein, gerade wie 
in der Schule alles Lehren mit der Anschauung anhebt, muß 
auch hier jed es U n terweisen und Ermahnen mit einem konkreten 
Beispiel aus dem wirklichen Leben einsetzen. Dies ist für alle hier 
in Frage kommenden Gespräche die durchgreifende Regel. Lebensvolle Bilder 
stelle der Lehrer den Eltern vor die Augen. Denn „das Vorbild lehrt praktisch, 
was geschehen soll; es zeigt, daß es geschehen könne; es ermuntert und ermutigt 
zur Nachahmung und läßt die Würde und Wonne des Sieges an dem Sieger 
erschauen und vernehmen." (Schumann.) Nicht Erziehungslehre sondern Er 
ziehungsgeschichte treibe der Lehrer mit den Eltern. Zu dem Ende muß er
	        

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