Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Wie kann der Lehrer die häusliche Erziehung der Kinder beeinflussen? 187 
natürlich mit einer Fülle einschlägiger Geschichten ausgerüstet sein und in dieser 
Beziehung die größte Allseitigkeit anstreben, um über einen Anschauungsstoff für 
alle möglichen Erziehungsfragen und Erziehungsnöte zu verfügen. In dieser 
Hinsicht gilt also nicht das sonst so berechtigte alte Diktum: Non multa, sed 
multum; vielmehr: „Nicht nur viel, sondern auch vielerlei." Dem entsprechend 
lese der Lehrer fleißig Biographien, sowie Berichte der Erziehungsanstalten und 
-vereine; auch wird ihm eventuell der Verkehr mit einem Gefängnisprediger 
diesbezüglich von Vorteil sein können. Aber damit, daß der Lehrer eine Menge 
einschlägiger Geschichten kennt, ist es doch noch nicht genug; vielmehr müssen die 
betreffenden Erzählungen, sollen sie sich zur Anknüpfung der Belehrung und Er 
mahnung eignen, bestimmten Anforderungen entsprechen. Zunächst ist erforderlich, 
daß sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer wecken und bis zum Schluß fesseln. Zu 
dem Ende müssen sie packend und kurz sein. Ferner müssen sie zu Fragen an 
regen und dadurch in dem kleinen Kreise eine kurze Besprechung veranlassen; 
dies ist ein Haupterfordernis. Denn der Lehrer soll hier nichts weniger, als 
Pädagogik dotieren; er darf überhaupt nicht so sehr in den Vordergrund der 
Unterhaltung treten. Er übernehme nach seiner Erzählung mehr die Rolle des 
Anregenden, Leitenden und Interpellierten. Dann merkt er auch am besten, wenn 
das allgemeine Interesse erlahmt, um dann unvermerkt das Gespräch einem an 
dern Stoff zuzuwenden. Zwanglos wird also das Erziehungsgespräch auf 
genommen, lebhaft weitergeführt und unvermerkt abgebrochen. Geht dann nach 
einiger Zeit die Gesellschaft auseinander, dann darf der Lehrer auf dem Heim 
wege des gewiß und froh sein, auch im festenden Kreise willkommene Aufnahme 
gefunden zu haben für ein Samenkörnlein des Guten, das, wie ja alles Gute, 
nicht fruchtlos sein wird. 
Daß der gewissenhafte Lehrer, sollte er sonstwo mit den Eltern zusammen 
treffen, sich wenn möglich mit ihnen über die Kinder in aller Kürze bespricht, 
ist selbstverständlich. Dem „Meister Hämmerlein" gleich, das immer sein Hämmer 
lein und ein paar Nägel mit sich führte, um hie und da die eine oder andere 
Kleinigkeit zu reparieren und in Ordnung zu bringen, wird auch wohl der Meister 
der Schule stets ein passendes Wort, einen kurzen Wink für die Eltern bereit 
haben. Gelingt es ihm dadurch auch nicht gleich, bedeutende Mängel in der 
häuslichen Erziehung abzustellen, so ermutige ihn auch dabei das Beispiel unseres 
Gemeindeschmiedes, der doch nur wegen seiner Ausdauer und Stetigkeit in kleinen 
Dienstleistungen die löchrichten Wege zum Gemeindeacker besserte. Daß auch der 
Lehrer bei ähnlichem Verhalten sich Wege ebenen kann, nämlich zu den Herzen 
der Eltern und Schüler, wird ihm bald in der Schule klar werden. — 
So sehr es nun auch dem Lehrer erwünscht sein muß, mündlich mit den 
Eltern über die Schüler und ihre Erziehung zu verhandeln, wird er doch nicht 
Zeit und Gelegenheit genug dazu finden. Es sind eben der Familien so viel, 
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