Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Bibel und Katechismus. 
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Gottes komme," „wer nicht hasset Vater, Mutter, Weib, Kind, ja auch sein 
eigen Leben, kann nicht mein Jünger sein rc." 
Wir sehen also, die ethischreligiösen Aussprüche der heiligen Schrift sind, 
wie aus dem praktischen Leben hervorgegangen, so auch für das jederzeitige 
praktische Bedürfnis berechnet. Und die Würde, welche diese Schriften in An 
spruch nehmen, besteht darin, daß sie für bestimmte Zeitlagen und gegebene Fälle, 
das jetzt gerade Nötige sagen und daß sie es möglichst klar und möglichst ein 
dringlich, kurz möglichst praktisch zutreffend sagen. In diesem Sinne, nämlich als 
praktische Weisungen, wollen also ihre Anssprüche gelesen, verstanden und be 
urteilt sein; die principielle oder allgemeingültige Wahrheit muß erst durch Ver 
gleichung der Schrift mit Schrift, durch Besichtigung der Sache in natura, also 
durch wissenschaftliche Forschung ermittelt werden. Dieser vorwiegend praktische 
Charakter der didaktischen biblischen Schriften schließt natürlich nicht aus, daß 
auch Aussprüche allgemeingültiger Art vorkommen; ob sie aber allgemeingültig 
find, das läßt sich ihnen nicht äußerlich ansehen, sondern muß ebenfalls erst durch 
wissenschaftliche Forschung ausgemacht werden. Wer nun jene Schriften nicht in 
diesem Sinne ansieht, sondern ihre Normativität so versteht, daß ihre Weisungen 
lauter ausgeprägte principielle Wahrheiten aussprächen: der thut den Autoren 
schwer unrecht und mißbraucht ihre Gaben; er vergreift sich an der Wahrheit 
und ist in Gefahr in die bedenklichsten Irrtümer zu geraten. Worin die Würde 
der heiligen Schrift liegt, nämlich aus der Praxis und für dieselbe geschrieben zu 
sein, darin liegt auch ihre einzigartig hohe Bedeutsamkeit für die religiöse Er 
ziehung und für die Kulturentwicklung überhaupt: denn indem sie vorwiegend nur 
praktische Weisungen giebt, so nötigt sie damit ihre Leser, die principiellen Wahr 
heiten selber zu suchen, aber für dieses Suchen sind dann ihre praktischen Finger 
zeige wiederum zugleich Direktive, Prüfstein und Korrektive. Was dieses Buch, 
das Judenbuch, für die Erziehung und die gesamte Kultur bedeutet, hat die 
Weltgeschichte für jeden, der sehen will, in den lapidarsten Zügen vor die Augen 
gemalt. Welches sind die Völker, die das Erdreich beherrschen und immer mehr 
ihrer Herrschaft unterwerfen? Diejenigen, welche sich zu diesem Buche bekennen, 
die Christen. Und welches sind die Reiche, die in diesem christlichen Völkerareopag 
nach Macht und Kultur obenan sitzen und die entscheidende Stimme haben? 
Diejenigen, welche dieses Buch frei wirken lassen, die Germanen und Anglo 
germanen in Europa und Nordamerika, — die Protestanten. 
Das vermag das Judenbuch. 
Stellen wir uns nun vor, anstatt der neutestamentlichen Evangelien und 
Episteln hätte das Kollegium der Apostel die Christenheit mit einem normativen 
systematischen Religionslehrbuche beschenkt, etwa in der Art der symbolischen Kate 
chismen oder der Augsburgischen Konfession! Viele brave Leute, denen die Kirchen 
spaltungen, das Sektenwesen und das wirre Durcheinander der religiösen An- 
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