Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sichten Kopf- und Herzweh macht, und welche darum die freie Forschung für ge 
fährlich halten, werden ohne Zweifel je und je schmerzlich bedauert haben, daß 
das nicht geschehen ist. Gesetzt aber, es sei geschehen; welche Wirkungen würde 
dann dieser apostolische theoretische Katechismus für die Erziehung und die gesamte 
Kulturentwicklung gehabt haben — im Vergleich mit jenen rein praktischen 
Schriften? Der Leser möge sich dies selber ausmalen. Zum Fingerzeig will ich 
nur auf eine vor Augen liegende Thatsache hinweisen. 
Als Dr. Luther seiner Zeit seinen kleinen Katechismus schrieb, hat er nicht 
bloß ein nützliches, sondern ein hoch nötiges Werk gethan. Bei der mangelhaften 
Bildung der meisten Geistlichen, bei der mangelhaften Ordnung des Kirchen- und 
Schulwesens und bei der bedrohlichen Unruhe und Zerfahrenheit der Geister, 
welche die plötzlich eintretende Reformation entfesselt hatte, war ein solcher norma 
tiver Leitfaden unentbehrlich — nämlich für die Geistlichen selbst, für die Lehrer 
und die Eltern und blieb wenigstens so lange unentbehrlich, bis das Kirchen- 
Schulwesen soweit geordnet war, um sich auf die richtigen Wege und Mittel der 
religiösen Jugendunterweisung besinnen zu können. Diese Besinnung ist leider 
nicht geschehen; vielmehr wurde der Katechismus ganz wider seine ursprüngliche 
Bestimmung zunl eigentlichen und Hauptlehrbuche des Religionsunterrichts gemacht, 
und dazu obendrein so verkehrt behandelt, nämlich durch das wörtliche Auswendig 
lernen, wie er nicht verkehrter behandelt werden konnte. So hat dieses sym 
bolische Lehrbuch unschuldigerweise den religiösen Jugendunterricht auf Jahrhunderte 
in arge Fesseln geschlagen, und selbst heutzutage ist noch nicht abzusehen, wie er 
daraus erlöst werden soll. Die schliinmen Folgen liegen haufenweise vor Augen; 
sie würden aber noch größer sein, wenn nicht der schlichte biblische Geschichts 
unterricht, welcher früher von der Kirche niemals als eigentlicher Religionsunter 
richt betrachtet wurde, wenigstens einigermaßen wieder gut machte, was der vor 
nehme Katechismus verdirbt. 
Wer nun auf protestantischem Boden die üble Wirkung eines theoretischen 
Normalbuches nicht sehen kann, der sollte sie wenigstens auf römischem Boden 
sehen können. Die sogenannten Lehrtraditionen, woran die alte Kirche so sorgsam 
und treulich festhielt, waren im Grunde nichts anderes als ein normativer Kate 
chismus, der da wies, wie die heilige Schrift verstanden werden sollte. Da man 
nun in diesem Katechismus den principiellen Extrakt der heiligen Schrift bereits 
fertig zu besitzen glaubte, warum sollte man sich da noch die Mühe geben, den 
selben nochmals aus diesen Schriften herauszusuchen? So befaßte sich denn der 
Religionsunterricht, selbst bei der Vorbildung der Geistlichen, bis zu den Hoch 
schulen hinauf vornehmlich nur mit der abstrakten Lehre; die heilige Schrift sah 
sich in die Ecke geschoben und wurde wenig beachtet. Das war die Lage der 
Dinge durch das ganze Mittelalter hindurch. Erst dann wurde die heilige Schrift 
wieder aus ihrem Winkel hervorgezogen, als die Humanisten überall auf Quellen-
	        

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