Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

22 I. Abteilung. Abhandlungen. 
ainlif, einlif und zwelif — über zehn bleiben eins oder zwei. Und endlich 
folgt auch hieraus die Bedeutung umkommen: Er ist in der Schlacht geblieben. 
Die Bedeutung des Stammes lib oder lif ist mithin haften, kleben, bleiben, 
übrigbleiben, leben. Demnach haben wir den Leib als das Bleibende an uns 
anzusehen, was alle Thätigeit als Bleibendes vollzieht und bei dem langsamen 
Stoffwechsel als ein Bild des Beharrens erscheint. Im Niederdeutschen erscheint 
das Wort als Neutrum: dat lif. 
In gewissen Verbindungen ist übrigens noch heute das Wort Leib in dem 
Sinne von Leben erhalten. Seinen Leib wagen. Nehmen sie uns den Leib. 
Den Leib kosten, um den Leib kommen. Am Leibe strafen. Bei Leibe nicht! 
Auch in den Wörtern Leibrente und Leibzucht steckt die Bedeutung Leben. Eine 
Leibrente ist eine Rente für Zeit des Lebens. Leibzucht ist Nutznießung auf 
Lebenszeit, das, worauf etwa eine Witwe für ihren Lebensunterhalt angewiesen 
ist, was sie dafür zieht. Ähnlich ist es bei Leibgedinge, Leibgewinn, leibhaftig 
(lebend). Auch das Wort entleiben hat nicht mit Leib den engern Zusammen 
hang, sondern mit Leben, es heißt das Leben nehmen, ist also gebildet wie ent- 
seelen. Ableben heißt durch Leben sich abnützen. Ein abgelebter Greis. Ab- 
leibig --- tot, abgestorben; es wird noch von alten Bäumen gebraucht. In der 
Formel Leib und Leben ist das letzte Glied als eine Erläuterung anzusehen, sowie 
man auch verbindet Leib und Blut. Es ist klar, daß in allen diesen Fällen das 
Wort Leib nicht durch das synonyme „Körper" ersetzt werden kann. 
Zuweilen bezeichnet das Wort Leib auch eine Person und betont das Persön 
liche. Mann und Weib sind ein Leib. Als solche Wörter zählen wir auf: 
Leibarzt, Compagnie, -kapelle, -wache, -diener, -knecht, -koch, -schneider, -fuchs. Als 
eine Fortsetzung, in welcher das für eine Person bestimmte zugleich das An 
genehme, eine Lieblingssache oder auch etwas Nahestehendes bezeichnet wird, seien 
angeführt: Leibessen, -speise, -gericht, -lied, -stück. Eine kurze Überlegung zeigt, 
warum auch in diesen Fällen das Wort Leib nicht durch Körper vertreten 
werden kann. 
Zuweilen bezeichnet Leib nur den Unterleib oder den Bauch. Vor den Leib 
stoßen. Harter oder verstopfter Leib. Man eröffnet den Leib. Der Leibstuhl. 
Leibweh oder Leibschneiden. Leibbinde. Von Mutterleibe an. Auch in diesen Fällen 
kann das Wort Körper nicht gebraucht werden. 
Endlich bezeichnet Leib die äußere Hülle des Menschen, und dies ist die 
heute allein noch gebräuchliche Anwendung. Der Gegensatz ist nach einer Seite: 
Leib und Seele, nach einer andern: Leib und Glieder. Ausdrücke: Einem zu 
Leibe gehen, wollen, auf den Leib rücken; einem vom Leibe bleiben, einen vom 
Leibe halten. Nichts auf dem Leibe haben. Essen und Trinken hält Leib und 
Seele zusammen. Er ist gut bei Leibe, beleibt. Des Leibes warten und ihn 
pflegen. Etwas am Leibe ersparen. Den Leib kasteien. Aus Leibeskräften ar
	        

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