Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Der gute Kamerad. 
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Male angestimmt haben? — Am Abend der Schlacht, als die Überlebenden sich 
an den Wachtfeuern des Feldlagers zusammenfanden; schmerzlich vermißte er nun 
seinen Kameraden, der sonst immer an seiner Seite gewesen war. — Das Lied 
giebt beredtes Zeugnis von seinem tiefen Schmerze. In welchen Worten spricht 
er aus, daß ihm der Verlust seines Freundes unersetzbar erscheint? — „Ich 
hatt' einen Kameraden, einen bessern find'st du ml." — An welche Freundschafts 
bezeigungen mag er bei diesen Worten zurückdenken? — An die ermunternden 
Worte, die er zu ihm gesprochen, die guten Ratschläge, die er ihm erteilt, die 
mancherlei Hilfsleistungen, die er ihm erwiesen, auch an manchen Bissen und Labetrunk, 
wodurch er ihn erquickt hatte. — Das schöne Freundschaftsband ist nun zerrissen; 
sein Kamerad liegt tot auf dem Schlachtfeld. Aber er will seiner nicht vergessen. 
Wodurch will- er seiner Treue ein Denkmal setzen? — Er will ein Lied von ihm 
singen, daraus alle sein Schicksal vernehmen sollen. — Mit welchen Worten ge 
denkt er des Aufbruchs in die Schlacht? — „Die Trommel schlug zum 
Streite." — Wo befand sich wie gewöhnlich sein Kamerad? — Er ging an 
seiner Seite in gleichem Schritt und Tritt. — Nicht lange dauert es, so ertönt 
ein anderer Ruf als der Trommelschlag. Die feindlichen Heere stoßen zusammen, 
und es entbrennt die Schlacht. Wie geht es darin zu? — Reiter fliegen 
über das Schlachtfeld und überbringen die Befehle des Heerführers. Die Ab 
teilungen rücken vor, die Gewehre werden geladen, und bald krachen ganze Salven 
durch die Luft. Fernhin brüllen die Kanonen und entsenden ihre tödlichen Ge 
schosse. Tod und Verderben verbreitet sich ringsum. 
Die beiden Freunde kommen auch bald in den Bereich der feindlichen Ge 
schosse; die Kugeln schlagen dicht in ihrer Nähe ein; ihr Leben steht in höchster 
Gefahr. Jetzt heißt es, standhaft zu sein und getreulich die Pflicht zu erfüllen, 
möge kommen, was da wolle. Schon ist mancher Brave niedergesunken; der 
Tod hält eine furchtbare Ernte. Da naht das Verderben auch einem unserer 
Freunde. Eine Kugel kommt geflogen. Wen mag sie zum Opfer heischen? 
„Gilt's mir oder gilt es dir?" Doch noch ehe die Frage recht ausgedacht und 
ausgesprochen ist, hat die Kugel ihr Ziel schon erreicht. Schwer verwundet sinkt 
einer der Freunde zu Boden; ein Strom roten Blutes entquillt seiner Brust; er 
fühlt sein Ende nahe. Doch die Kugel hat gewissermaßen auch das Herz des 
Überlebenden getroffen; denn der gute Kamerad, der sterbend ihm jetzt vor den 
Füßen liegt, war gleichsam ein Stück von ihm selbst, ein Teil seines Herzens. 
Der Verlust seines Kameraden geht dem Soldaten sehr zu Herzen. Doch 
zu Klagen und Thränen, um sein Herz zu erleichtern, ist keine Zeit. Warum 
nicht? — Der Soldat befindet sich mitten im Schlachtgewühl; da ist seine Pflicht, 
jeden Augenblick auszunutzen, damit der heranstürmende Feind in die Flucht ge 
schlagen wird. — Was muß er sich sogar versagen? — Den letzten Händedruck, 
den der Sterbende mit dargereichter Hand von ihm erbittet. Denn der Haupt-
	        

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