Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Das Leben Jesu als Lehrstoff. 
257 
Punkt des Religionsunterrichts zu stellen, ist ja keineswegs neu; u. a. haben, wie 
Bang selbst auch anführt, Vilmar und Dörpfeld schon längst darauf hingewiesen; 
Thrändorf hat ihr 1890 eine größere Arbeit Das Leben Jesu und der 
II. Artikel gewidmet, Schreiber dieses hat sie 1889 und 1892 in Bezug auf 
den Katechismusunterricht zu begründen gesucht. Aber schon dafür, daß Bang 
diese Frage wieder neu in Fluß gebracht hat, verdient er Dank. In unserer 
schnell lebenden, vergeßlichen Zeit kann man ja nur froh sein, wenn ein guter 
Gedanke, nachdem er einen Kreis eine Zeitlang beschäftigt und bewegt hat und 
dann ad acta gelegt ist, anderswo wieder als ein neuer auftaucht und vielleicht 
mit mehr Geschick und rührigerer Trommelführung an den Mann gebracht wird. 
Und jeder Autor stattet ja einen Gedanken mit um so zärtlicherer Sorgfalt aus 
und weiß ihn um so wirkungsvoller zu insceuiereu, je mehr er des erhebenden 
Bewußtseins lebt, mit einer ureigensten Originalidee die Welt zu beglücken. Daher 
wollen wir den kleinlichen Streit um die Priorität dieses Reformvorschlages, den 
Bang mit seinen Kritikern auskämpft, auf sich beruhen lassen — er beruft sich 
gegenüber den ihm gemachten Vorhaltungen, daß er die Arbeit seiner Vorgänger 
nicht anerkenne, darauf, daß er selbst schon 1884 einen Lehrplan mit dem Leben 
Jesu im Mittelpunkt veröffentlicht habe. ■— 
Um Herrn Bang im Zusammenhange zu Worte kommen zu lassen und seinen 
Gedanken möglichst gerecht zu werden, setzen wir die von ihm selbst gegebene Zu 
sammenfassung seines Vortrages hierher. 
Die Erfolge des Religions-Unterrichts sind — soweit es sich um das sittlich-religiöse 
Leben handelt — ungenügend. Dieses Ergebnis ist in Mängeln des Lehrplans und der 
Methode begründet. Abhilfe kann und muß geschafft werden: Durch bessere Einsicht in 
das Wesen der Religion, in das Werden des religiösen Lebens (Charakters), in den 
Wert der augemessenen religiösen Bildungsstoffe und in das historisch und psychologisch 
als naturgemäß erwiesene und darum erfolgessichere Lehrverfahren, angewandt durch 
eine beruflich und sittlich-religiös auf der Höhe ihrer Aufgabe stehende Lehrperson. 
Die Religion ist ihrem Wesen nach nicht eine theoretische Thätigkeit des Geistes, 
sondern eine praktische Bestimmtheit des Gemütes und des Willens. Sittlich-religiöse 
Charakterbildung ist das Ziel der religiösen Unterweisung (Erziehung): die Aneignung 
religiösen Wissens ist nur Mittel zum Zwecke. 
Gemäß dem Principe der Anschaulichkeit wird sittlich-religiöse Charakterbildung am 
sichersten — oder ausschließlich!? — durch Anschauung sittlich-religiöser Persönlichkeiten 
erzielt. Die höchste sittlich-religiöse Persönlichkeit ist Jesus Christus (nicht nur als 
ethisch-menschliches Vorbild, sondern auch als religiös-göttlicher Kraftquell): in ihrer 
Anschauung kann sich der sittlich-religiöse Charakter am leichtesten, sichersten und voll 
kommensten entwickeln. — Die Anschauung der Person Christi, wie sie uns in den Evan 
gelien entgegentritt, muß einheitlich, geschlossen, unmittelbar, in ungetrübter Ursprünglich 
keit wirken: sie darf nicht durch Reflexionen nach ethisch-religiösen oder gar logisch 
dogmatischen Kategorien gebrochen und beeinträchtigt werden. — 
Diesen Erkenntnissätzen und Forderungen entspricht die gegenwärtige religiöse Unter 
weisung nicht. Die Person Christi steht weder intensiv, noch extensiv — nach Lehr 
methode und nach Lehrplan — gebührend im Vordergründe und im Mittelpunkte der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.