Volltext: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
religiösen Unterweisung: die von ihr ausgehende Wirkung wird durch zu starke Be 
rücksichtigung anderer religiös-sittlicher Charakterbilder und Bildungsstoffe, sowie durch 
übermäßige Betonung des lehrhaften Moments tBerfrühung und Überschüttung) ge 
hemmt, Jesu Person, Lehre und Werk zu früh und zu sehr zum Gegenstände verstandes 
mäßiger Erkenntnis, zu wenig zur Thatsache persönlicher Erfahrung gemacht. Daher 
wird das Verhältnis des Kindes zu seinem Heilande (zumeist) ein äußerliches, der inneren 
und dadurch innigen Begründung entbehrendes und demzufolge durch religionsfeindliche 
Mächte leicht lösbares. 
Es ist dringend notwendig, daß diesen Mängeln und Übelständen mittels kräftiger 
Durchführung des Princips der Anschaulichkeit (des Interesses) — das sich in einer 
dem historisch-anschaulichen (nicht-katechismusartigen) Charakter der biblischen Geschichte 
entsprechenden Behandlung dieses Lehrgegenstandes auf allen Stufen, in einer Beschrän 
kung des Katechismusunterrichts im 5. und 6. Schuljahre auf wöchentlich eine Stunde 
und auf den dieser propädeutischen Stufe angemessenen Stoff wirksam erweist und sich 
endlich vorzugsweise auf der Oberstufe in einem historisch-pragmatischen Lebensbilde 
Jesu verkörpert, das an Stelle der vereinzelten „Geschichten" eine wirkliche „Geschichte," 
an Stelle abstrakter, dogmatischer Reflexionen über Christum einen lebensvollen, anhal 
tenden, die gespannte und wachsende Teilnahme erzielenden Umgang mit Christo setzt — 
gesteuert werde. 
Obgleich die Hauptleistung für die Hebung der sittlich-religiösen Unterrichtserfolge 
von einem naturgemäßer gestalteten und mit größerer Stundenzahl bedachten biblischen 
Geschichtsunterrichte, nicht vom Katechismusunterrichte — auch nicht von einem ver 
besserten — erhofft werden kann, so ist doch der Katechismusunterricht auch ferner als 
selbständige Disciplin zu betreiben, damit weder sein eigener Charakter, noch der der 
biblischen Geschichte verwischt werde und nicht die eigentümliche Aufgabe dieser beiden 
Lehrgebiete aus einer lehrplangemäßen und methodischen Verschmelzung der Lehrzweige 
statt der erhofften Förderung eine Beeinträchtigung erfahre. 
Die theoretische Einsicht in den vorgeschlagenen Reformweg besitzt die gegenwärtige 
Pädagogik nur in Ansätzen, die methodische Bearbeitung des Stoffes fehlt ihr ganz. 
In der Idee und Hauptforderung ist die hier vorgeführte Anschauung Bangs 
die unsere, in Bezug auf die Ausführung haben wir starke Bedenken. Es ist 
uns sehr sympathisch und läuft durchaus in derselben Richtung, die wir vertreten 
haben, wenn B. die Pädagogen auffordert, den Anteil an der Gesamtschuld, der 
hinsichtlich des sittlich-religiösen Verfalls des Volkes auf die Schule fällt, scharf 
zu erkennen und auf sich zu nehmen) wenn er statt Geschichten Geschichte ver-- 
langt (vgl. mein Wort zur Katechismusfrage 2. Aust. S. 15 u. a.); wenn er 
„den aus historisch-pragmatischen Gründen allein dauernden Erfolg sichernden Gang 
vom Menschenfreunde zum Gottessöhne und von diesem zum Himmelsherrn" em 
pfiehlt, den auch ich in meiner Arbeit „Katechetische Behandlung der Lehre von 
der Gottheit Christi" (Gotha, Thienemann 1892) durchgeführt habe; wenn er 
lebhaft wieder das betont, daß wir unsere Kinder in dem persönlichen Um 
gang mit Christo Christen werden lassen müssen und daher das Wort eines 
neueren Theologen über die Bedeutung des persönlichen Faktors in der Entstehung 
und Fortpflanzung der Religion anführt, das er vermutlich meinem Wort zur 
Katechismusfrage (S. 32 Anm.) entnimmt, wenn er auch im Vortrage mich über-
	        

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