Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Das Leben Jesu als Lehrstoff. 
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Haupt nicht nennt?) Alles das sind Erwägungen, die u. a. Dr. Thrändorf 
und Verfasser dieses mit Nachdruck geltend gemacht haben. Das von Bang her 
vorgehobene treffliche Wort Vilmars wollen wir gleich auch hier mit empfehlendem 
Hinweis auf die Quelle, die B. nicht anführt, zum Abdruck bringen: „Es soll ein 
vollständiges, bis ins einzelne genaues, darum auch bleibendes Bild des 
Erlösers in seiner gesamten Wirksamkeit in den Seelen der Kinder niedergelegt 
werden; sie sollen mit ihrem Wissen, Wollen und Thun nicht zunächst an die 
Lehre, sondern an die Person des Heilandes gewiesen werden; und es 
muß dahin gewirkt werden, daß er dereinst eine Gestalt in ihnen gewinne in dem 
Grade, daß diese Gestalt des Gekreuzigten durch sie wieder hinausleuchten kann 
in die Welt." (Vilmar Über den evangel. Religionsunterricht, herausgegeben 
von Haußleiter. S. 40). 
II. 
Über die Idee selbst und ihre Bedeutung herrscht also die erfreulichste Über 
einstimmung zwischen Herrn Bang und den von ihm mit Vorliebe als Gegner 
gekennzeichneten Herbartianern; ja, ich versehe mich in Bezug auf dieselbe der 
warmen Sympathie möglichst aller Leser des Schulblatts. Es handelt sich nun 
um das Wie? Und da beginnen freilich die großen Schwierigkeiten und Prob 
leme und darum auch tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten. Wir heben als die 
uns wichtigst erscheinenden Streitfragen folgende heraus: Die Idee eines 
historisch-pragmatischen Lebensbildes Jesu, wie sie Bang als eine 
neue in die Didaktik einführt, sowie die damit aufs engste zusammenhängenden 
Erwägungen betreffs der Quellen oder Grundlagen dieses Bildes; sodann die 
methodische Frage nach der Art der Behandlung des Lebensbildes Jesu. Ich 
beginne mit der letzteren als der verhältnismäßig am leichtesten zu entscheidenden. 
1. Bang tadelt es, daß „Jesu Person, Lehre und Werk zu früh und zu 
sehr zum Gegenstände verstandesmäßiger Erkenntnis, zu wenig zur Thatsache per 
sönlicher Erfahrung gemacht" wird; „die Anschauung der Person Christi . . . . 
muß einheitlich, geschlossen, unmittelbar in ungetrübter Ursprünglichkeit wirken; sie 
darf nicht durch Reflexionen nach ethisch-religiösen oder gar logisch-dogmatischen 
Reflexionen gebrochen und beeinträchtigt werden" (s. o.). Diese Sätze sind an 
sich richtig und wichtig; sie enthalten die u. a. auch von mir mit allem Ernste vertretene 
Wahrheit, daß die biblische Geschichte, also auch die Geschichte Jesu nicht in den 
Dienst abstrakter, systematischer Belehrung treten solle, nicht dem Mißbrauch des 
Dogmatismus verfallen dürfe. Das Anschauen und Miterleben des inneren Lebens 
der Gottesmänner ist das eigentliche Bildungsmittel, wodurch der Unterricht die 
Kinder religiös-sittlich zu bilden hat (vgl. mein Wort z. Katechismusfrage 2. Aufl. 
9 Ohne mich hier auf den ,Ursprungsbeweis< versteifen zu wollen, wäre es mir 
doch ganz interessant zu erfahren, ob wohl Herr Bang den Namen des angeführten 
Theologen, den ich anonym einführte, kennt.
	        

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