Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Das Leben Jesu als Lehrstoff. 
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die Religionskenntnis setzen" oder „Lehre" treiben, ist vermutlich eine mehr ge 
fühlsmäßige Abstraktion aus zwei Beobachtungen, erstens daraus, daß wir Ge 
schichte und Lehre oder biblische Geschichte und Katechismus in engste Beziehung 
miteinander zu bringen suchen, zweitens daraus, daß Or. Thrändorf in seinem 
,Leben Jesu* das Lehrhafte* Matthäusevangelium bevorzugt und zu Grunde legt. 
WaS die erstere Thatsache anlangt, so werde ich, der ich durch meine Arbeiten 
zum Katechismusunterricht besonders dabei beteiligt bin, mich mit Herrn Bang 
in einem folgenden Aufsatz über die Katechismusfrage auseinandersetzen, sobald 
seine lange angekündigte Schrift „Zur Reform des Katechismusunterrichts" er 
schienen sein wird. Ich will hier diese weitschichtige Frage nicht mit der specifischen 
Leben-Jesu-Jdee vermengen. Ich bemerke hier nur: steht es fest, daß uns die 
göttliche Wahrheit nicht in zwei getrennten Formen, Geschichte und Lehre, 
sondern nur in einem Ineinander beider in der heil. Schrift dargeboten ist, so 
können wir niemals eine von dem eigentlichen Kern des Religionsunterrichts, dem 
biblisch-geschichtlichen, losgerissene, innerlich unabhängige Christenlehre als richtig 
anerkennen. Was sollte denn das Anschauen des Lebensbildes Christi, wenn nicht 
dies, daß wir lernen, was Christentum ist uud wie wir Christen werden 
mögen? Wir sollen da doch in der Betrachtung seines Lebens „von Gott ge 
lehret werden" (Joh. 6, 45). Wie soll da von der Lehre abgesehen werden 
können? Erkenntnis des angeschauten Bildes Christi wecken und ,die Haupt 
sache des Religionsunterrichts in die Religionskenntnis setzen* sind zwei sehr 
verschiedene Dinge! 
Bezüglich der Bevorzugung des Matthäus kann man ja, wie wir unten 
weiter sehen werden, verschiedener Meinung sein. Das Überwiegen des lehr 
haften Momentes würde aber meines Erachtens an sich noch gar kein Grund 
gegen die Wahl des ersten Evangeliums zur Grundlage des Leben-Jesu-Unterrichts 
sein. Für reifere Schüler ist die „Lehre" Jesu mindestens ebenso wichtig wie die 
Wundererzählungen. Zemmrich, einer der Kritiker Bangs, hat durchaus recht, 
wenn er betont, daß zur Gesamtheit der Wirksamkeit Jesu ganz entschieden auch 
seine Lehre gehöre und es ist damit durchaus nicht das Gegenteil von dem Vil- 
marschen Gedanken gegeben, wie Bang behauptet; denn Vilmar will (s. o.) die 
Kinder nicht zunächst an die Lehre, sondern an die Person Christi gewiesen 
sehen, würde aber gewiß nichts gegen ein Verfahren einzuwenden haben, das die 
Kinder in Jesu Lehre die Deutung seines Personlebens erkennen 
und darin also seine Person verstehen lehrt. Das ist ja grade das 
Eigentümliche bei Jesus, daß seine ,Lehre* nicht neben seiner Person steht, son 
dern sich mit seinem inneren Leben deckt; wie bei keinem Weisen oder Propheten 
sonst der Fall, ist er kein bloßer Verkündiger von Wahrheiten und Lehren sondern 
lehrt nur was er lebt, wie er auch alles lebt, was er lehrt. Man könnte also 
sein ganzes Leben vom Standpunkte seiner Lehre aus darstellen, wenn auch der
	        

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