Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
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umgekehrte Weg zweifellos der zweckmäßigere ist. Aber erst dann wird die 
Hervorhebung der Lehre zu einem Fehler, wenn man, was Vilmar offenbar mit 
seiner Verwerfung meint, Jesu Lehre von seinem Personleben loslöst und als 
abstrakte Wahrheiten für sich hinstellt. Das war der grobe Fehler der Auf 
klärung, allerdings das notwendige Korrelat der intellektualistischen Orthodoxie, 
Leben und Lehre zu trennen, ein Fehler, dem m. W. aber kein echter Herbar- 
tianer verfallen ist, am wenigsten Dr. Thrändorf oder Rein-Staude. Behält 
man diesen Fehler eben als Fehler fest im Auge, so ist die Betonung des lehr 
haften Momentes, des Erkenntnisgewinns, der Aufklärung, oder wie man's be 
zeichnen will, durchaus unverfänglich; auch ich meine, daß ,die Zeichen der Zeit' 
namentlich auch auf bessere ,Aufklärung' mittels des Unterrichts hindrängen, damit 
die grauenvolle Unwissenheit grade in Bezug auf die Grundelemente des Christen 
tums gehoben, damit nicht immer wieder Glaube und Fürwahrhalten, Religion 
und Religionskenntnis miteinander verwechselt werde. Grade durch die Betrach 
tung des Lebens Jesu sollen die Schüler aufgeklärt werden über das, was eigent 
lich Christentum ist, aufgeklärt über die innerlich notwendige Verbindung von 
Lehre und Leben. 
2. Damit stehen wir schon in der Erörterung der zweiten großen Streit 
frage drin, der Frage nach dem historisch-pragmatischen Lebensbilde 
Jesu. Wir stehen schon drin, sage ich, denn die eben besprochene Methoden- 
frage spitzt sich ja schließlich zu der Forderung des historisch-pragmati 
schen Verfahrens zu. Wenn auch wir die Lehre nur im Zusammenhange 
des Lebens Jesu den Schülern nahe bringen, sie aus dem Leben verständlich 
machen wollen und umgekehrt, so haben auch wir das Wesentliche des historisch 
pragmatischen Verfahrens auf den Schild erhoben. Jede That und jede Lehre 
des Heilandes ist nach Bang, wie wir sahen, zuerst im historisch-pragmatischen 
Rahmen bezw. in der durch Zeit, Ort, äußere und innere Umstände gegebenen 
Bedeutung für den Herrn und die Seinen zu betrachten. Auf diese Weise giebt 
man nicht etwas Abgerissenes, Fertiges, sondern läßt die Schüler die Geschichte 
Jesu ganz eigentlich miterleben; sie entsteht neu vor ihren Augen. Das ist es 
eigentlich, was Bang will, sofern ich es recht verstanden, das ist es, was er mit 
seinem „dringlichen Reformvorschlag" meint. Schwerlich würde sich dagegen ein 
wesentlicher Widerspruch erhoben haben. Denn die ganze Entwicklung unseres 
biblischen Geschichtsunterrichtes drängt doch ans dieses psychologische Verfahren hin. 
Ja, auch die Gewinnung eines wirklichen zusammenhängenden Lebensbildes Jesu 
wird schon von vielen Seiten erstrebt; die Arbeiten von Kurtz, Kahle, Buchrucker, 
Wangemann, Sperber, Götze u. a. laufen in dieser Richtung. Sogar der offi 
zielle Lehrplan für die einfachen Volksschulen des Königreich Sachsen von 1878 
fordert eine zusammenhängende Darstellung der Heilsgeschichte unter Hervorhebung 
des Lebens Jesu und der Apostelzeit. Und wir wüßten auch nicht, was einen
	        

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