Full text: Evangelisches Schulblatt - 39.1895 (39)

Das Leben Jesu als Lehrstoff. 
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einsichtigen und fleißigen Lehrer bisher gehindert hätte, die einzelnen im Historien 
buch vorgesehenen Geschichten von Jesu zu einem einheitlichen Lebensgange zu- 
sammenzusassen und ihren inneren Zusammenhang den Kindern deutlich zu machen. 
Wir können nicht glauben, daß es viele deutsche Lehrer giebt, die so stumpssinnig 
wären, um die einzelnen Geschichten isoliert hintereinander ziel- und planlos vor 
zuführen, ohne eine innere Vergleichung und Verknüpfung zu versuchen. Daher 
hatte ich, als ich das Leben Jesu auch für die eigentliche Christenlehre, für 
den Katechismusunterricht als Anschauungsmaterial empfahl und in den Mittel 
punkt des gesamten Religionsunterrichts zu stellen strebte, auch nicht daran ge 
dacht, die Notwendigkeit eines zusammenhängenden einheitlichen und anschaulichen 
Lebensbildes für den biblischen Geschichtsunterricht besonders zu betonen; das er 
schien mir selbstverständlich und durch die ganze Tendenz unseres Religionsunter 
richts geboten. 
Deswegen wäre der „dringliche Reformvorschlag" durchaus noch nicht be 
langlos ; denn es ist klar, daß System in diese bisherigen vereinzelten und wohl 
meist noch ungenügenden Versuche gebracht werden müßte. Aber Bang will doch 
wohl etwas wirklich Neues und Eigenes mit der Forderung eines historisch-prag 
matischen Lebensbildes in die Didaktik einführen, und zwar, wenn ich richtig sehe, 
nicht so sehr ein neues Lehrverfahren, als vielmehr einen neuen Lehr 
stoff, wenigstens eine neue Form des Lehrstoffs. Sein historisch-pragmatisches 
Lebensbild soll eine vollständige regelrechte „Geschichte Jesu" sein, entsprechend den 
wissenschaftlich theologischen Darstellungen des Lebens Jesu. Bang hat solche, 
namentlich B. Weiß' Leben Jesu, kennen gelernt und will sie nun zur Gewinnung 
eines „pädagogischen und erbaulich-religiösen Zwecken dienenden Lebensbildes" ver 
werten. Nun schätze ich meinerseits Prof. Weiß und sein hervorragendes Werk 
außerordentlich, habe auch bei meinem Unterricht in der biblischen Geschichte großen 
Nutzen aus dem Studium desselben gezogen und empfehle jedem strebsamen Lehrer 
dringend solch eine tiefbohrende Vorbereitung. Dennoch bezweifle ich, daß die 
Frage der Übertragung solcher biographischen Arbeit auf den Unterricht schon so 
spruchreif ist, wie Herr Bang in seinem Eifer für die neue große Sache es 
darstellt. 
Das „Leben Jesu" ist eine verhältnismäßig neue theologische Disciplin. Es 
giebt ernste Theologen, die ihr überhaupt die Berechtigung aberkennen, wie Bang selbst 
mehrere anführt; die in Abrede stellen, daß eine Biographie Jesu im modernen 
Sinne des Worts nach den gegebenen Quellen möglich ist. Die christliche Ge 
meinde kennt bisher nichts anderes als die durch Gottes Vorsehung gebotene vier 
fache Darstellung des Lebens Jesu durch die Evangelisten und höchstens einige 
populäre Versuche, sie zusammenzufassen, besonders in der Leidensgeschichte. 
Der Theologe muß weiter gehen und wenigstens versuchen, ein historisch 
pragmatisches Lebensbild aus den vorliegenden Quellen herauszuarbeiten, d. h.
	        

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